Kugelstoßen zum Faschingsausklang

In Caneva (Provinz Pordenone) gibt es zum Faschingsausklang einen antiken Brauch, den „Pagalosto“. Er erinnert ein bisschen an das Boccia-Spiel und das Kugelstoßen in unseren Breiten. Auch wenn es ein „Einzelkampf“ ist kommt der Spaß unter der Dorfgemeinschaft nicht zu kurz.

Der „Pagalosto“ ist ein Wettkampf antiken Ursprungs. In der Gegend um Caneva wiederholt sich diese jahrhundertelange Tradition keltischen Ursprungs jedes Jahr am Höhepunkt des Carnevale, erzählt Luciano Borin von der „Pro Loco“, dem örtlichen Tourismusverein.

Sendungshinweis:

„Servus, Srečno, Ciao“, 2.3.19

Frauen dürften heutzutage mitspielen

In Caneva hat man es sich zum Ziel gesetzt, das uralte Brauchtum zu erhalten - an die Gegebenheiten der heutigen Zeit angepasst, versteht sich. So wurde das strenge Reglement gelockert: „Jetzt dürfen auch auch Frauen mitspielen, während ihnen früher einmal sogar das Zuschauen untersagt war“, sagt Luciano Borin. Die Chronik aus Caneva besagt: Nur ein einziges Mal konnte bis jetzt eine Frau ein Spiel für sich entscheiden und ihre männlichen Mitspieler schlagen. „Ein schwarzer Tag für den Stolz der männlichen Canevesi“, sagt Luciano Borin. Heutzutage gibt es keine Einschränkungen mehr.

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Männer beim Kugelstoßen

Beobachten ist alles

In Stevenà, einer Fraktion von Caneva, ist Adriano Pellegrinet mit seinen 84 Jahren einer der ältesten Spieler. Er kennt das Spiel schon seit seiner Jugend und machte immer gerne aktiv mit. 15 Jahre lang war er sogar jedes Mal beim „Pagalosto“ dabei. Auch wenn ihn in letzter Zeit gesundheitliche Probleme etwas einschränken wird er auch heuer wieder am Spielfeld stehen, wenn es ihm gut geht. Ihn fasziniert die Einfachheit des Spiels: „Das Schöne ist, dass das Spiel aus vielen Kleinigkeiten besteht, auf die man achten muss. Man muss es nur beobachten. Tricks brauche ich keine. Ich weiß, dass manche schwindeln, aber das ist gegen meine Prinzipien.“

Ursprünglich wurde dieses Spiel am letzten Tag des Faschings, also am Faschingdienstag, gespielt. Irgendwann drohte der Brauch verloren zu gehen. So wurde der Faschingssonntag als neuer Spiel-Tag auserkoren - damit die Leute genug Zeit für eine Zusammenkunft haben.

Verlierer muss eine Runde schmeißen

Für den „Pagalosto“ gibt es keinen fixen Austragungsort. Gespielt wird, wohin es die Holzkugeln verschlägt … in den Straßen des Dorfes, aber auch auf den Feldern oder in den Innenhöfen der Häuser. Dort werden die Spieler empfangen und bewirtet - davon leitet sich auch der Name des Spiels ab, erklärt Luciano Borin: „Am Ende muss der Spieler mit den wenigsten Punkten den anderen ein Glas Wein spendieren. Also bezahlt er den Wirt - ‚paga l’oste‘ - er gibt dem Wirt das Geld.“

Die Spieler zahlen auch ein Nenngeld, um überhaupt mitmachen zu können. Auch was an Strafgeld zusammenkommt wird am Ende des Spiels gemeinsam ausgegeben. Das Geld fließt in ein gemeinsames Abendessen für Spieler und Zuschauer.

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ORF/Iris Hofmeister

Langjährige Freundschaft mit Kärnten

Diesmal ist Besuch aus Kärnten dabei: Einige Mitglieder der Dante Aligheri-Gesellschaft aus Spittal an der Drau. Seeboden ist die Wahlheimat des gebürtigen Oberösterreichers Gert Thalhammer, dem Präsidenten der „Società Dante Alighieri - Spittal an der Drau“. Ihn verbindet seit Jahren eine besondere Freundschaft mit Caneva.

Gert Thalhammer: „Die Dante Alighieri fördert natürlich die Partnerschaften und versucht Schrittmacherdienste zu leisten - Übersetzungen zu liefern, Treffen zu organisieren zwischen den einzelnen Kommunen. Friaul und Kärnten sind geradezu prädestiniert. Es gibt 25 Partnerschaften - 50 Kommunen diesseits und jenseits der Grenze sind involviert. Die zwei größten sind Klagenfurt und Görz, Villach und Udine, Spittal und Porcia-Pordenone. Dann Spilimbergo und Sachsenburg und San Daniele und Millstatt. Spittal-Porcia nicht zu vergessen."

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Freunde aus Kärnten beim Zuschauen

Überraschender Ausgang bei Kärntner Kugelwerfen

Fast wäre vor Jahren auch eine Gemeinde-Partnerschaft zwischen Seeboden und Caneva entstanden. Die guten Beziehungen über die Grenzen blieben aber bis heute erhalten. Regelmäßig finden auch Freundschaftsbesuche statt. Der ehemalige Bürgermeister von Seeboden, Egon Eder, erzählt von einem Besuch der Freunde aus Italien in Kärnten, bei dem sie den Kärntner Brauch des Kugelwerfens kennenlernten: „Als der letzte Werfer von uns, von der Feuerwehr Kötzing, die Kugel in die Hand genommen hat ist sie ihm dann ausgekommen und beim Steiger in Kössing oder in Pirk im ersten Stock durch die Scheibe ins Schlafzimmer hinein gekommen. Die Italiener haben sich furchtbar aufgeregt. In Wirklichkeit war es dann wirklich spaßig, was wir da gemacht haben.“

Mannschaftssport vs. Querfeldeinspiel im Alleingang

Gert Thalhammer erklärt die Unterschiede zwischen der Kärntner und der friulanischen Version des Kugelstoßens oder -werfens: „Bei uns findet es am Ostersonntag und hier am Faschingssonntag statt. In Italien ist es ein Querfeldein-Boccia-Turnier, bei dem maximal 20 Spieler dabei sind. Jeder zahlt sein Startgeld und versucht dann, bei seinem Schuss die Kugel, die nummeriert ist, näher zur kleinen Kugel, der Tauben-Kugel, zu bringen. Je öfter ihm das gelingt, desto mehr bekommt er bezahlt.“

In Österreich sei das Kugelstoßen hingegen ein Mannschaftssport, so Thalhammer weiter: „Da gibt es nur zwei Kugeln insgesamt, die jeweils eine Kugel der Mannschaft davor bewegen. Es gewinnt, wer als erstes am Zielort mit seiner Kugel landet - mit allen Regeln des Danebenschießens, Strafpunkten und Zurückziehen und so. Das bringt dann die eine Mannschaft nach vorne. Auf jeden Fall müssen immer die Verlierer zahlen - sowohl beim Individual-Boccia-Spielen wie hier in Italien, wie auch beim Mannschafts-Kugelstoßen in Kärnten.“

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Der Pagalosto führt die Spieler manchmal auch mitten auf die Felder

„Auf das Gefühl kommt es an“

Thalhammer geht davon aus, dass das Spiel in Italien mehr Spaß macht: „Ich glaube das Individuelle ist doch lustiger, kommt mir vor. Die Einzelkämpfer zeigen, was sie können. Wo man sieht, wer geschickter ist und wo es nicht so sehr auf die Kraft und die Weite darauf ankommt, sondern auf das Gefühl, wie man richtig die Kugel schmeißt und ob sie in der Nähe des Täubchens landet.“

Am Sonntagnachmittag ist es wieder soweit: Besucher aus Nah und Fern werden beim „Palagosto“ in Caneva erwartet. Zum geselligen Beisammensein gehört natürlich auch gutes Essen. Zur Stärkung bekommen die Spieler eine kräftige Suppe und „süße Würste“ serviert - mehr dazu in Süße Würste statt Faschingskrapfen.