Der Untergang der „Szent István“

Im Marine-Museum von Fiume-Rijeka kann man einiges darüber erfahren, warum die „Szent István“ – vor genau 100 Jahren – gesunken ist. Sie war der ganze Stolz der k&k-Kriegsmarine. Ihrem Untergang wurde jetzt eine Kriegsoper gewidmet, die in Klagenfurt uraufgeführt wird.

Der Stapellauf des 25.000 PS-starken Stahlgiganten in der Danubius Werft von Fiume-Rijeka war ein gesellschaftliches Großereignis. Aus heutiger Sicht betrachtet war es wohl eine Ironie des Schicksals, dass sowohl die Kriegsschiffe der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine, als auch die Torpedos seinerzeit ausgerechnet in den Werften von Fiume-Rijeka gebaut wurden.

Im Juni 1918 sollte das Kriegsschiff mit einem Begleitgeschwader die Blockade der Meerenge von Otranto durchbrechen. Doch diese erste Feindfahrt wurde ihr zum Verhängnis.

SSC Kriegsoper Rattensturm Klagenfurter Ensemble
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Sinkende Szent István

Villacher Maschinist war Kriegsheld ohne Waffen

Sie wurde am 10. Juni von den Italienern um exakt 3.45 Uhr torpediert, erzählt Historiker Gernot Rader: „Sie war dadurch dem Untergang geweiht.“ Schnell waren die Maschinenräume des Kriegsschiffes mit Wasser geflutet. Es begann nicht nur ein Todeskampf der Besatzung, sondern auch die Heldentat des Maschinisten Franz Dueller aus Villach. Er wurde zum Lebensretter von rund tausend Menschen und zum Kriegshelden ohne Waffen.

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Servus Srecno Ciao, 09.06.2018

“Er ließ alle verfügbaren Pumpen laufen. Seine Männer, insgesamt 24, standen bis zur Brust im Wasser und pumpten und pumpten und pumpten“, schildert der Historiker. So konnte das Sinken des Schiffes um mehr als zwei Stunden hinausgezögert werden – kostbare Zeit, denn laut Rader konnten so an die tausend Menschen vom Schiff gerettet werden. 89 Seeleute verloren ihr Leben.

Dueller vom Kaiser mit Tapferkeitsorden belohnt

Um 6.05 Uhr versank das Schiff dann in den Fluten der Adria. Franz Dueller überlebte den Angriff der Italiener und wurde zu Hause für seine Tat ausgezeichnet. Rader: „Er wurde vom Kaiser mit einem Tapferkeitsorden belohnt.“ Auch ein Großteil seiner Mannschaft wurde gerettet. Angeblich wurden einige von ihnen durch diesen Vorfall wahnsinnig, sagt Rader.

Gedenktag in Italien

In Italien wird der 10. Juni nach wie vor als Tag der Marine gefeiert.

Heute ruht die Szent István in 68 Meter Tiefe kopfüber am Meeresboden, getroffen durch zwei Torpedos eines italienischen Schnellbootes. Einer der wenigen, der bis ins Innere des Wracks vordringen konnte, ist Mario Brzac. Der Urenkel des Steuermannes leitete als Berufstaucher bereits mehrere Expeditionen zum Wrack des einstigen Kriegsschiffes.

Er erinnert sich, wie er gemeinsam mit den Expeditionsteilnehmern durch die Admiralsluke ins Innere gelangte: „Wir bestaunten den Luxus, der sich in der damaligen Zeit an Mobiliar oder Geschirr den Offizieren bot.“

Torpedo schlug riesen Loch in Schiffsrumpf

Die Einschlaglöcher der Torpedos an der rechten Schiffsflanke direkt in den Kesselraum hatten enorme Ausmaße, erklärt Marine-Experte Danijel Frka: „Das war nur möglich, weil die Panzerung des Schiffes nicht für den ganzen Rumpf gegeben war. Hätte sie drei Meter weiter hinunter gereicht, wäre das Schiff möglicherweise gerettet worden“.

Dass die Torpedos der Flotte unter Corvettenkapitän Luigi Rizzo eine derartige Sprengkraft hatten, verdanken sie einer speziellen Konstruktion. Laut Goran Pernjek, Kurator des „Odvoreni Depots“ in Fiume-Rijeka, sei der Sprengkopf mit 200 Kilogramm Sprengmittel gefüllt gewesen. Da Torpedos mit Druckluft angetrieben werden verfügen sie auch über eine riesige Pressluftkammer. Der mechanische Teil hat zwei Propellern am Ende.

Krieg als Stoff für Oper

Die Versenkung der Szent Iztvan, des ganzen Stolzes der k&k Kriegsmarine, markiert das Ende einer Epoche. Als Sujet der Kammeroper „Rattensturm“ steht der Untergang des Schlachtschiffes auch als Metapher für das Scheitern jedweder Allmachtsphantasien und Überlegenheitsfantasmen. Das Klagenfurter Ensemble führt das Schiffsunglück als Metapher für den Größenwahn einer Epoche vor, nach Aufzeichnungen des damaligen Maschinenmeisters Karl Mohl.

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Szenenbilder der Kriegsoper „Rattensturm“

„Stimmung jener von heute nicht unähnlich“

In der Inszenierung wurden zwei Handlungstränge miteinander verflochten - die historischen Ereignisse während des Schiffsunglücks und die gesellschaftliche Stimmungslage während der Kriegsjahre - ein Kanon von Kriegstreiberei, Kriegsmüdigkeit und Resignation in fünf Akten.

Das Libretto beruht großteils auf Zitaten der literarischen Intelligenz zur Zeit des Ersten Weltkrieges, sagt Autor und Regisseur Peter Wagner: „Eine sehr auffällige Schlagseite dieses Krieges hat in der Macht der Sprache bestanden. Nicht zu vergessen, dass das große Aufwallen des Nationalismus in Europa, das wir ja heute auch wieder in seinen Ansätzen beobachten können. Wir dürfen uns nicht einbilden, wir wären wahnsinnig weit von der mentalen Stimmung, wie es sie vor 100 Jahren gegeben hat, entfernt.“

In der Oper jedoch verlassen die Ratten - Symbol für das Abgründige im Menschen - das sinkende Schiff nicht. Sie entern es vielmehr und bringen es dadurch zum Untergang. Zu sehen ist die Kriegsoper bis zum 30. Juni in der Theaterhalle 11 in Klagenfurt.

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