Der Tagliamento: „König der Alpenflüsse“

Bei Fahrten in Richtung Süden kommt man am Fluss Tagliamento vorbei. Werner Freudenberger hat sich in einem Buch intensiv mit dem „König der Alpenflüsse“ auseinandergesetzt und lädt zu einer abwechslungsreichen Entdeckungsreise zwischen Alpen und Adria ein.

Unaufdringlich und gleichzeitig an vielen Stellen imposant schlängelt sich der Tagliamento über 170 Kilometer quer durch Friaul Julisch Venetien. Er entspringt am Mauriapass in der Carnia und mündet zwischen Bibione und Lignano in die Adria.

Jahrzehnte ist es her, dass Werner Freudenberger erste Begegnungen mit dem „König der Alpenflüsse“ machte: „Anfangs, bei den ersten Reisen ans Meer, habe ich mir gedacht: Das ist nur eine Schotterwüste, braches Land, eigentlich unnütz. Erst schön langsam ist dann eine Liebe dazu entstanden. Mich fasziniert - wenn man da so schaut, in die Gegend da runter - sieht man ein Szenario, das vor zigtausend Jahren gar nicht anders ausgesehen hat. Es ist immer gleich. Das hat für mich so etwas Archaisches, etwas Ursprüngliches. Wenn man hierher kommt kann man sich dem nicht entziehen.“

SSC Tagliamento Fluss Friaul
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Werner Freudenberger beim Spazieren am Flussbett des Tagliamento

„Sanfter Tourismus“ statt Gewinndenken

Seit er in Pension verbrachte Freudenberger viel Zeit damit, die landschaftlichen und kulturellen Schönheiten entlang des Flusslaufes zu erkunden.

Buchcover Am Tagliamento
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ISBN: 978-3-222-13549-1

Seine persönlichen Erlebnisse hielt er in einem Buch fest - mit Ausflugstipps für all jene, die im Einfachen das Besondere sehen. So lädt er ein, nicht einfach bis ans Meer „durchzuglühen“, sondern Halt zu machen. „Man kann hier ein bisschen spazieren an den Auen und noch ein Gedanke dahinter ist, dass man vielleicht so etwas wie diesen sanften Tourismus belebt. Die Schottermafia würde ja gerne Auffangbecken bauen und hier ein bisschen eingreifen in diese Natur, was ganz schade wäre“, so der Autor.

Je nach Wetterlage und Wasserstand erwartet einen am Tagliamento ein besonderes Spiel der Farben und Formationen aus Gestein und Sand, erklärt Freudenberger: „Es gibt entlang des Flusslaufes des Tagliamento an die 400 Inseln oder noch mehr. Die hat ein Wissenschaftler einmal gezählt. Es entstehen neue, einige sind beständiger, einige sind am nächsten Tag wieder verschwunden. An einige wird Totholz angeschwemmt, wo sich dann ein Biotop entwickelt. Für mich ist das faszinierend.“

SSC Tagliamento Fluss Friaul
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Fossil aus den Karnischen Alpen

Fossilienreichtum für Wissenschaft interessant

Helmut Zwander begleitet Werner Freudenberger oft bei seinen Ausflügen durch die Nachbarregion. Der Naturwissenschaftler ist besonders an der Geologie und an der Flora interessiert. Im geologischen Museum der Region Carnia in der Gemeinde Ampezzo finden Besucher Relikte aus längst vergangenen Zeiten wieder.

Im Laufe von 500 Millionen Jahren prägten Umwelteinflüsse die Gesteinsformationen der Karnischen Alpen, was sie in ganz Europa zu etwas Besonderem macht, erklärt Museumsleiter Giuseppe Muscio: „Durch die vielen Fossilien, die hier gefunden wurden, können wir sagen, wie sich die Landschaft verändert und weiterentwickelt hat. Die Karnischen Alpen bestehen aus Sedimentgestein und deshalb konnten sich hier die Fossilien besonders gut erhalten. Einige sind von großem wissenschaftlichen Interesse und werden von Spezialisten aus der ganzen Welt für ihre Studien herangezogen.“

Sendungshinweis:

„Servus, Srečno, Ciao“, 10.6.2017

Helmut Zwander ist fasziniert, dass durch die Funde ein komplettes Ökosystem rekonstruiert werden konnte: „Es gab hier ein lichtdurchflutetes Schelfmeer. Das zeichnet sich immer durch eine sehr hohe Biodiversität aus. Das heißt, wir haben hier die Produzenten, die die Basis des Lebens sind, und die die Grundlage für die vielen fleischfressenden Tiere sind. Das ist letztendlich auch der Grund dafür, dass hier gerade in diesem Gebiet unglaublich interessante Dinosaurierfunde gemacht werden konnten.“

SSC Tagliamento Fluss Friaul
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Helmut Zwander in der Küche des Ristorante Hotel Park Oasi

Radic di mont: Spezialität aus höheren Regionen

Auch wer kulinarisch in die Traditionen unserer Nachbarregion eintauchen möchte findet - entlang des Tagliamento - immer wieder Möglichkeiten zum Verweilen, Ausprobieren und Genießen. Im Frühjahr sind besonders die Schätze aus der Kräuterwelt der Carnia gefragt. Gabriella und ihr Sohn verleihen im Hotel „Park Oasi“ in Arta Terme den traditionellen Gerichten aus der Carnia mit Waldgeißbart und Bergradicchio eine besondere Note. Letzterer ist in Friaul unter dem Namen „radic di mont“ bekannt und ist vor allem in den höheren Regionen in den Karnischen Alpen verbreitet.

Zum Autor

Werner Freudenberger wurde 1949 in Hermagor geboren, war lange Jahre Redakteur, Programmgestalter und Moderator beim ORF Kärnten. Er schuf eine Vielzahl umfangreicher Dokumentationen und hat ein Buch über den „Kulturweg Bernsteinstraße“, erschienen bei Styria, veröffentlicht.

„Er heißt eigentlich Alpen-Milchlattich, wenn man in den Kräuterbüchern nachschaut. Hier in Fiaul ist er sehr bekannt unter dem Namen Bergradicchio, radic di mont. Es gibt ganz besondere Plätze, die nicht verraten werden, wo die Kräutersammler hingehen und ihn finden“, sagt Helmut Zwander.

Der Chef des Hauses, Mauro Löwenthal, gibt als Kenner der Bergkräuter Carniens sein Wissen allerdings bereitwillig weiter. Für Interessierte bietet er auch Exkursionen an, bei denen sie die Pflanzenwelt der Carnia besser kennenlernen können.

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Werner Freudenberger genießt die Aussicht vom Monte di Ragogona aus

Kraftplatz Monte di Ragogna

Für Werner Freudenberger ist der Monte di Ragogna ein besonderer Ort, an den er immer wieder gerne zurückkehrt. Ragogna gehört zu den sieben befestigten Orten der Langobarden, die zur Sicherung des Landes dienen sollten. Das Cstello di Ragogna befindet sich auf einem Berg, von dem aus man einen malerischen Überblick auf den Fluss hat.

Mehr als zwei Kilometer ist der Tagliamento, der sich unten im Tal in Richtung Adria bewegt, an dieser Stelle breit: „Ich denke, wenn jemand da heroben steht und hinunter schaut auf den breiten Tagliamento, auf den König der Alpenflüsse, der wird meine Begeisterung verstehen. Es ist ein riesiges Naturschutzgebiet, ein Europaschutzgebiet und wird manchmal auch ‚die Serengeti Mitteleuropas‘ genannt, weil es hier überdurchschnittlich viele Tier- und Pflanzenarten gibt.“

Es zahlt sich aus, von Zeit zu Zeit die gewohnten Wege zu verlassen, um Neues zu entdecken, ist Werner Freudenberger überzeugt. Für ihn wird der Tagliamento wohl nie seine Anziehungskraft verlieren.

Kontakte:

Museo Geologico della Carnia, Piazza Zona Libera della Carnia - Ampezzo, 0039/0433 487779. Öffnungszeiten: MO-FR 10.00-13.00 Uhr und montags auch zwischen 15.00 und 17.00 Uhr
Carnia Musei

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