Drogen wirken auf Kinder verheerend

Klagenfurt gilt, nach Wien, als zweite Drogenhochburg Österreichs. Kürzlich flog ein Dealer auf, der Drogen an eine 13-Jährige verkaufte. Drogenkonsum in diesem Alter sei laut Experten verheerend, es drohen Probleme bei der Hirn- und Persönlichkeitsentwicklung.

Vor wenigen Wochen verkaufte ein 20-Jähriger einem erst 13-jährigen Mädchen Cannabis - mehr dazu in Drogen an Kind verkauft. Für Kinder und Jugendliche sind die illegalen Substanzen eine große Gefahr. „Drogen bewirken, dass der Konsument von der Realität abrückt“, sagt der Villacher Kinderpsychologe Wilfried Gfrerer. Viele normale Erfahrungen, die ein Kind machen würde, fehlen dadurch.

Drogen Kinder Jugendliche Folgen
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Durch Drogen können bleibende Schäden entstehen

Gehirn wird bei Entwicklung gestört

Man geht davon aus, dass das Gehirn, besonders der frontale Bereich, erst nach mindestens 20 Jahren vollends entwickelt ist. Der vorderste Teil, der präfrontale Cortex, wird immer wieder in Zusammenhang mit Aufmerksamkeit, Nachdenken, Entscheidung und Planung gebracht und als Sitz der Persönlichkeit bezeichnet. „Wenn ein Mensch schon frühzeitig Drogen konsumiert, dann hat das im Entwicklungsprozess einen weit größeren Einfluss, als das bei Erwachsenen der Fall ist“, sagt Gfrerer. Die persönliche Entwicklung könnte gestört und die eigene Rolle in der Gesellschaft nicht gefunden werden.

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Im vorderen Teil des rot eingefärbten Bereichs befindet sich der präfrontale Cortex

Die Schäden, die entstehen können, würden dann auch bleiben. Zum Beispiel bewirke Ecstasy Konzentrationsstörungen und Cannabis Motivationslosigkeit. „Sicher gibt es Konsumenten, bei denen keine größeren Beeinträchtigungen zu sehen sind, aber es gibt auch genügend Menschen, wo diese Schäden bleiben und bei denen gewisse Entwicklungsprozesse einfach nicht vonstattengegangen sind", so Gferer. Dadurch käme es später zu Schwierigkeiten, ob in der Schule oder im Beruf.

“Kollateralschäden“ für weiteres Leben

Barbara Schmidt-Zeitler, Oberärztin der Abteilung für Neurologie und Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters am Klinikum Klagenfurt, nennt neben den gesundheitlichen Folgen außerdem „Kollateralschäden“ wie Führerscheinentzug, Arbeitsplatzverlust, Wohnraumverlust, finanzielle Probleme und strafrechtliche Folgen, die der Drogenkonsum mit sich bringen kann. Die Gefahr bei Kindern sei auch, dass sie rascher zu gefährlicheren Drogen greifen, weil sie nicht wissen, wie deren tatsächliche Wirkung einzuschätzen ist.

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Kinder und Jugendliche unterschätzen oft die Wirkung von illegalen Drogen

„Gefährlich sind alle“

„Gefährlich sind alle“, sagt Psychologe Gfrerer und meint damit Drogen im Allgemeinen. Schmidt-Zeitler sagt: „Die gesundheitlichen Folgeschäden bei legalen und illegalen Drogen sind gravierend. Das muss man einfach sagen.“ Durch die ganze Kriminalität um illegale Drogen gäbe es aber viele Nebenfaktoren wie eben den Jobverlust oder gar Haftstrafen, die noch dazu kommen würden.

Drogen Kinder Jugendliche Folgen
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Sowohl bei Alkohol als auch bei illegalen Drogen sind die Folgen „gravierend“

Cannabis als Einstiegsdroge

„Cannabis ist die Einstiegsdroge bei den Jugendlichen“, sagt Schmidt-Zeitler. Es ist auch die meistverbreitete illegale Droge weltweit. In Österreich habe ein Fünftel der Bevölkerung Erfahrung damit. Die 2016 erschienene HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children Study) besagt, dass Cannabis eine gefährliche und schädliche Substanz ist, besonders für Kinder und Jugendliche, die regelmäßig konsumieren.

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Cannabiskraut

„Die Droge stellt ein Risiko für psychische Störungen dar und kann diese begünstigen, wenn man sowieso empfänglich dafür ist“, steht in der Studie (aus dem Englischen übersetzt). Wenn man zu früh und in großen Mengen konsumiere, dann können Probleme wie schlechtere Entwicklung des Gehirns, eine geringe Körpergröße, Angstattacken, kurzzeitiger Gedächtnisverlust, Depression und Motivationslosigkeit auftreten.

Warnsignale für Eltern

Kinder und Jugendliche schotten sich von Zeit zu Zeit ab. Pappige Antworten, trotziges Ins-Zimmer-Gestampfe und oft lautstarke Auseinandersetzungen sind alltägliche Szenen einer Pubertät. Tagelang kann es dann passieren, dass man nur wenige Worte mit dem eigenen Kind wechselt. Das alles kann ganz normal und harmlos sein, aber auch Besorgnis erregend.

Drogen Kinder Jugendliche Folgen
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In der Phase des Heranwachsens sind viele Kinder und Jugendliche unsicher

„Wenn sich das Kind abkapselt, alte Interessen ablegt, müde wirkt und die schulischen Leistungen abfallen, könnten Drogen dahinter stecken“, sagt Kinderpsychologe Gfrerer. „Aber diese Anzeichen müssen nichts heißen. Die Heranwachsenden erleben in dieser Phase genug Persönlichkeits-Entwicklungsprozesse und müssen schwierige Situationen durchmachen. Es kann auch sein, dass jemand müde ist, weil er am Abend zu lang gechattet hat“, sagt Gfrerer. Die Anzahl der Anzeichen sei entscheidend. Je mehr Anzeichen auftreten, desto wahrscheinlicher ist der Drogenkonsum.

„Druck schon auf Kinder“

„Heranwachsende haben heutzutage einen hohen Druck, um die Erwartungen anderer zu erfüllen“, meint Gfrerer. Das mache es für die Kinder schwierig, Sicherheit und Zufriedenheit zu empfinden. „Drogen geben den Kindern in Unsicherheiten oder sogar Lebenskrisen eine gewisse Funktion. Sie können dadurch entspannen oder der Realität entkommen“, sagt der Psychologe. Grundsätzlich sind Kinder in der Zeit in der sie heranwachsen und unsicher sind empfänglicher für alles, sagt Gfrerer, auch für Drogen. „Deswegen“, vermutet Gfrerer „beginnen die meisten im Jugendalter damit, Drogen zu nehmen.“

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In jungen Jahren ist man empfänglicher für Drogen

Beziehung zum Kind ist das Wichtigste

Sobald Eltern den Verdacht haben, dass ihr Kind Drogen nimmt, müssen sie die Beziehung zum Kind aufrechterhalten, sagt Gfrerer. Wichtig seien auch eine Struktur, in der Familie und Rituale, wie zusammen zu Abend zu essen. Wenn sich das Kind aber wehrt und sich verschließt, dann sei das ein Zeichen dafür, dass man professionelle Hilfe holen sollte.

Drogen Kinder Jugendliche Folgen
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Die Beziehung zum Kind soll auch in schwierigen Zeiten aufrechtgehalten werden

Je nachdem in welcher Phase des Drogenkonsums das Kind ist müsse man mit einer einfachen Beratung oder einer stationären Therapie reagieren. Die Hintergründe warum konsumiert wird, müssten herausgefunden werden. „Der Wunsch nach der Funktion, die einem die Droge gibt, soll verschwinden“, sagt der Psychologe Gfrerer.

Kinder vor Ort abholen

Die meisten Erfahrungen habe er nur mit den Eltern, deren Kinder mit Drogen in Kontakt sind. Die Kinder würden meist zu den Sitzungen nicht mitkommen, so Gferer. Wenn die Drogenproblematik aber dann akut werde, müsse man handeln und einen Zugang zu den Kindern finden. Schmidt-Zeitler und ihre Kollegen arbeiten in solchen Situationen mit Organisationen wie „Streetwork“ zusammen, die Kinder vor Ort aufsuchen. Außerdem sei wichtig „dass man die Kinder begleitet und sie in dieser Phase stabilisiert, damit sie ihre soziale Rolle und Verantwortung finden können", so Schmidt-Zeitler.

Drogen leichter zu kaufen als früher

Das Alter, in dem Kinder erstmals zu Drogen greifen, habe sich aus der Sicht von Oberärztin Schmidt-Zeiler in den letzten Jahren gering verändert. „In der heutigen Gesellschaft geschieht auch der Pubertätseintritt früher. Immer schneller sind Informationen aus den sozialen Medien verfügbar und damit ist auch die Greifbarkeit der Drogen näher als früher“, sagt die Oberärztin.

Gfrerer glaubt nicht, dass das Einstiegsalter gesunken ist. „Ich glaube aber, dass die Akzeptanz von Cannabis und Alkohol gestiegen ist. Es kann schon sein, dass der eine oder andere früher zu Drogen greift." Andererseits hätten viele Jugendliche einen bewussten Umgang mit Drogen entwickelt. „Viele Jugendliche sind eher erlebnisorientiert und stellen Dinge wie Sport in den Vordergrund“, sagt Gfrerer. „Da spielen Drogen keine Rolle für sie.“

Anna Stockhammer, kaernten.ORF.at

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