Umweltgift in Milch und Futtermitteln

In Milch und Futtermitteln von vier Betrieben im Kärntner Görtschitztal ist das Umweltgift Hexachlorbenzol (HCB) festgestellt worden. 35 weitere werden streng kontrolliert. Vorgeschriebene Grenzwerte wurden um das Vierfache überschritten. Eine Gefährdung der Bevölkerung liege nicht vor, betont das Land.

Bei Hexachlorbenzol handelt es sich um einen Stoff, der früher als Trockenbeizmittel für Getreide eingesetzt wurde. Das Nervengift kann Leber und Lunge schädigen. Es gehört zu den zwölf Stoffen („Dreckiges Dutzend“), die durch das Stockholmer Übereinkommen als krebserregende Mittel weltweit verboten wurden. Das Umweltgift kann zudem als Nebenprodukt bei chemischen Prozessen entstehen.

Ausgelöst worden sei die Umweltgefährdung durch Emissionen ungeklärter Herkunft, so Agrarlandesrat Christian Benger: „Das HCB ist in der Milch und in Futtermitteln festgestellt worden. Die Werte haben die zulässigen Grenzwerte überschritten, dies ist mir gestern in der Nacht mitgeteilt worden. Ich betone ganz ausdrücklich: Bisher hat keine Gefährdung der Konsumenten stattgefunden.“ Es seien sofort Maßnahmen eingeleitet worden, die Futtermittel würden entsorgt, weder Milch noch Fleisch werde in den Handel kommen. Betroffen von der Kontamination sind bis zu 35 Betriebe im Görtschitztal, bei „einer Handvoll“ von ihnen wurde das Umweltgift bereits nachgewiesen. Die betroffenen Betriebe („allesamt Milchbetriebe“) seien gesperrt worden.

„Pink Disease“

Hexachlorbenzol ist ein farbloses, kristallines Pulver. Die aromatische Verbindung wird durch Chlorierung von Benzol in Gegenwart von Katalysatoren bei über 230 Celsius hergestellt. Rund 4.000 schwere Erkrankungen (Porphyria cutanea tarda) durch den Konsum von Brot, das aus gebeiztem Saatgut hergestellt worden war, wurden viele Jahre vor dem Verbot in Ostanatolien in der Türkei registriert. Im Rahmen des „Pink Disease“ wurden zunächst Hautschäden bemerkt, bei den Patienten entwickelten sich dann Abszesse, schwere Lungen- und Leberprobleme sowie Blutbildveränderungen. Bei Kleinkindern mit schweren Vergiftungen verliefen mehr als 90 Prozent der Erkrankungen tödlich.

Bereits seit Ostern sei bekannt, dass es eine Belastung im Görtschitztal gibt, bis Dienstag seien die gesetzlichen Grenzwerte für das Umweltgift aber nicht überschritten worden. Die kontaminierte Milch und die Futtermittel - es geht um Heu und um Gras - werden vernichtet. Sollte Fleisch belastet sein, wird es nicht zum Verkauf freigegeben. Wie viele Tiere betroffen sind, wird noch erhoben.

Chemiebetriebe: Kein Kommentar

Der Herkunft der Emissionen werde jetzt auf den Grund gegangen. Die Frage, ob die Überschreitung bei den Hexachlorbenzol-Werten etwas mit den im Görtschitztal angesiedelten chemieverarbeitenden Betrieben zu tun habe, wollte Benger nicht beantworten. Die Milch sei nach dem Umweltgift untersucht worden, das Überschreiten der Grenzwerte sei erstmalig aufgetreten. Das gesamte Görtschitztal werde ab Donnerstag einzelbetrieblich untersucht, so Benger. Das Umweltgift sei über die Luft in das Futter und dann in die Milch gelangt.

Auf die Frage, ob durch die Luftemission nicht doch auch Menschen betroffen sein könnten, sagte Benger: „Das mag sein, hier gilt es jetzt zu prüfen, wie die Situation ist. Die Konzentration in der Milch, die erstmalig die Grenzwerte überschritten hat, ist ein erstes Ereignis.“ Johann Mößler, der Präsident der Kärntner Landwirtschaftskammer, sagte: „Es muss einen Verursacher in der Region geben.“

Umweltlandesrat: Kontamination aus der Vergangenheit

Umweltlandesrat Rolf Holub (Grüne) bestätigte, „dass es im Moment keine Gefahr für die Umwelt gibt. Wir haben von der Landwirtschaft Ende September davon erfahren und sofort alle notwendigen Maßnahmen eingeleitet. Alle möglichen Emittenten wurden per Bescheid aufgefordert, dass ab sofort nicht mehr zu tun. Wir messen seit drei Wochen, in zwei Wochen haben wir die Messergebnisse. Wenn es über die Luft kommt, dann wissen wir auch, von wem es kommt. Was jetzt gemessen wurde, ist eine Kontamination aus der Vergangenheit. Das heißt, im Moment ist die Luft sauber, das Wasser - sechs Proben wurden gezogen - ist immer sauber gewesen. Ursprünglich hat man gedacht, es kommt aus der Landwirtschaft. Dann hat man die Luft untersucht. Es ist alles seit Wochen abgestellt. Wir werden in zehn bis vierzehn Tagen mehr wissen.“ Überprüft würden Wasser und Luft im gesamten Görtschitztal, so Holub. „Grundsätzlich müsste die alte Kontamination weg sein, neue gibt es keine.“

Emittent erst nach Testreihe feststellbar

Welcher Betrieb welche Stoffe emittiert habe, könne seriös erst nach Auswertung der Testreihe gesagt werden, so Holub. Ihm sei es ein Rätsel, weshalb er als Umweltlandesrat erst „so spät“ informiert worden sei. Er habe dann die Gesundheitsreferentin davon in Kenntnis gesetzt. Die Substanz werde seit März im Futtermittel und der Milch nachgewiesen, dann sei man dazu übergegangen, auch die Luft zu überprüfen. Produkte seien jedoch nicht in den Vertrieb gekommen, „es gab nie eine Gefährdung bei Nahrungsmitteln“.

Bei anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen im Tal wurden zunächst keine Grenzwertüberschreitungen festgestellt. Benger und Mößler betonten, dass die Bauern in dieser Sache Opfer seien. „Ich werde alles unternehmen, damit den Bauern kein Schaden erwächst“, sagte der Agrarlandesrat. Am Donnerstag soll es in der Landesregierung Gespräche zum weiteren Vorgehen geben. Ein Sprecher des Unternehmens Kärntner Milch sagte zur APA, die betroffenen Betriebe seien keine Lieferanten der Molkerei.

Kärntnermilch und Sonnenalm: Keine Belastung

In einer Aussendung wies die Kärntner Milch in Spittal an der Drau darauf hin, dass ihre Lieferanten und Produkte nicht betroffen sind. Auch der bäuerliche Milchhof Sonnenalm, der im Görtschitztal beheimatet ist, gab bekannt, dass keiner seiner zuliefernden Bauern von der Sperre betroffen sei. Sonnenalm-Milchprodukte, die auch an Schulen geliefert werden, würden laufend kontrolliert, hieß es in einer Aussendung.

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