Alfred Goubran
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„Servus, Srecno, Ciao“

A. Goubran: Leben und Schreiben in Tarcento

In Tarcento befindet sich der Lebensmittelpunkt des gebürtigen Kärntner Autors Alfred Goubran. Fast 20 Jahre lang arbeitete er an seinem siebenbändigen Romanzyklus, jetzt ist er vollendet. Was seine Pläne für die Zukunft sind und warum es ihn in den Süden zog verriet er dem „Servus, Srecno, Ciao“-Team.

Goubrans Vater ist Ägypter, seine Mutter Österreicherin. Die ersten Lebensjahre verbrachte er in Graz und im deutschen Iserlohn. Nach dem Tod des Vaters übersiedelte er nach Kärnten. Auch Wien war lange sein Lebensmittelpunkt, bis es ihn vor etwas mehr als eineinhalb Jahren immer mehr in südlichere Gefilde zog. Tarcento wurde mittlerweile zu seiner neuen Heimat.

Servus Srecno Ciao, Sendung vom 11.5.2024

„Bin auf der anderen Seite der Grenze “

„Ich bin begeisterter Autofahrer. Immer, wenn ich früher in den Süden gefahren bin, ging bei mir durch die landschaftliche Öffnung nach dem Kanaltal einfach irgendwas auf. Für jemanden, der in Klagenfurt gelebt hat und aufgewachsen ist, ist natürlich dieser Vorhang der Karawanken, diese Grenze da. Jetzt bin ich auf der anderen Seite, also bin ich sozusagen drüber gestiegen. Ich schaue auf das Meer, wenn ich in dieselbe Richtung nach Süden schaue. Man spürt auch manchmal den Wind vom Meer her, das Klima ist merkwürdig anders. Man muss erst herausfinden, wo man lebt und ob es für mich auch passt.“

Tarcento
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Blick auf Tarcento

„Wollte immer entdecken, forschen, Abenteuer“

Das Unterwegs-Sein-Wollen ist für Goubran eine Lebensentscheidung. Seit seiner Jugend sieht sich der Autor als Suchender. Indem er immer wieder bewusst das Weite sucht, kommt er sich selbst immer ein Stück näher: „Es gibt ja auch Menschen, die einfach zufrieden sind, wie sie leben, wie sie aufwachsen. Und es gibt halt welche, die sind nicht zufrieden. Ich wollte immer entdecken, forschen, Abenteuer.“

Alfred Goubran schaut auf den Torre Fluss in Tarcento
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Einer der Lieblingsplätze von Alfred Goubran ist der Spazierweg entlang des Torre-Flusses

Zumindest vorerst scheint er in Tarcento angekommen zu sein, wo sich seit einiger Zeit sein Hauptwohnsitz befindet. „Also man weiß nie, was morgen passiert. Ich habe immer so gelebt. Es ist nicht so, dass ich etwas gegen Sicherheiten hätte. Ich glaube, ich vertraue dem einfach nicht. Vielleicht gibt es da epigenetisch irgendwelche Erfahrungen. Mir mangelt sowohl das Vertrauen in den Staat als auch in die Materie. Oder, um es politisch auszudrücken: mich interessiert mehr das Dasein als die Existenz. Das könnte man sagen.“

Sendungshinweis:

„Servus, Srecno, Ciao“, 11.5.24

So stört es ihn auch nicht, dass für ihn als Neuzugang erst das Vertrauen seiner Umgebung in Friaul Julisch Venetien mit der Zeit wachsen muss. „Ich glaube die Tarcentini sind sehr misstrauisch, weil es ja doch ein Bergvolk ist. Ich finde freundliche Leute sowieso suspekt. Also nicht immer, aber wenn jemand grundlos freundlich ist, da fragt man sich oft warum – als Paranoiker, der man ist. Mir ist lieber, man muss sich das erarbeiten und das hält dann auch länger“, sagt Goubran.

Anderes Verhältnis zur „unangenehmen Wirklichkeit“

Ein Leben fernab der Bilderbuch-Klischees von Italien hat für ihn dennoch seinen Reiz. „Es ist teilweise sehr hart. Was mir hier gefällt – aber vielleicht überhaupt an Italien – ist, dass man im Gegensatz zu Österreich keine Angst hat zu zeigen, dass es Armut gibt. Bei uns schämt man sich immer, wenn man arm ist und hier ist man halt arm. Also es ist ein anderes Verhältnis zur Wirklichkeit, zur unangenehmen Wirklichkeit, dass ich hier sehr schätze.“

Tarcento sei ein Ort, der früher als „Die Perle Friauls“ bezeichnet wurde, „die ihre beste Zeit gesehen und furchtbares erlebt hat beim Erdbeben (1976, Anm.). Es ist kein aufdringlicher Ort, der Tourismus ist eher sanft. Man kann hier leben, man kann es entdecken, es wird einem nicht alles ins Gesicht gefahren mit jedem kleinen Monument, das irgendwo rumsteht. Das ist sehr angenehm, dass es auch so ruhig ist.“

Anderes Ärgern auf Italienisch

Sprachbarrieren kennt der Weitgereiste nicht: „Ich komme gut zurecht. Also wenn die Leute verstehen wollen, dann verstehen sie.“ Er selbst spreche auch Brasilianisch, Portugiesisch und Latein und so gelinge es ihm meistens, sich verständlich zu machen. „Aber es ist manchmal ein furchtbarer Zustand für einen Menschen wie mich, der so von der Sprache kommt, aber auch sehr heilsam. Ich kann einfach so wahnsinnig kluge Diskussionen nicht führen. Wenn ich mich ärgere, kann ich das auch nicht in Worte fassen, also muss ich mich leise ärgern. Das ist eine interessante Erfahrung.“

Alfred Goubran im Gespräch mit Leuten in Tarcento
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In Tarcento hat Alfred Goubran schon viele Bekannte und Freunde gefunden, mit denen oft auch diskutiert wird

„Will niemanden verletzten“

Egal ob als Schreibender oder als Sänger und Songwriter – Alfred Goubran ist für sein jahrzehntelanges vielseitiges Schaffen bekannt. 2003 wurde er mit dem Kulturpreis des Landes Kärnten bedacht. In seiner ursprünglichen Heimat Österreich wird ihm nachgesagt, neben Christoph W. Bauer zu den interessantesten bekennenden Außenseitern der österreichischen Literaturlandschaft zu zählen.

„Offensichtlich habe ich mit meinen frühen Büchern einige Leute irgendwie vergrämt. Ich will auf jeden Fall niemanden verletzen. Also von sich selber zu sagen, ich bin ein Außenseiter, ist schwierig. Ich würde das nicht sagen. Man lebt halt und man teilt halt nicht gewisse Grundansichten und dadurch wird man suspekt und wird halt zum Außenseiter.“

Lebendiges Schreiben als Schaffensziel

Fest steht, Goubran schreibt nicht, um zu gefallen: „Es gibt schon Grenzen, die man halt nicht spürt, wenn man nicht an die Grenze geht.“ Es ist die unheimliche, irrationale Seite beim Schreiben, die ihn fasziniert. „Lebendiges Schreiben“ hat für ihn viel mit Magie zu tun. Die unterschiedlichen Dimensionen, die für ihn die Wirklichkeit zeigt, will er vermitteln – fernab der rein funktionalen Sprache. Dem Anspruch, alles sofort verstehen zu müssen, will er mit seinem Schaffen bewusst nicht entgegenkommen.

„Ich meine, wenn ich alles sofort verstehen will, dann kann es nur die Bestätigung dessen sein, was ich vorher schon gewusst habe. Und das ist nichts langweiligeres gibt es, nicht? Und insofern soll ja auch das Lesen ein Abenteuer sein, etwas wo man etwas entdeckt, wo es Querverweise gibt, also wenn das Buch lebt, wenn es lebendig ist, hat es auch ein Geheimnis. Und für mich war das immer interessant, auf die Querverbindungen draufzukommen, wie, was, wann, was heißt das“, sagt der Autor.

Buchcover „Der große Bla Bla“ von Alfred Goubran
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Buchcover „Der große Bla Bla“

Romanzyklus nach 20 Jahren beendet

Der unlängst erschienene „Der große Blabla“ will den Leser – zumindest kurz – in die Zukunft entführen und dazwischen den Weg aus Sicht der beiden Hauptfiguren schildern. Mit seinen zwei neuen Büchern beendest der Autor seinen siebenbändigen Romanzyklus „Eliade“, an dem er 20 Jahre lang arbeitete.

„Es hat sich ergeben. Man schreibt ja oft an etwas und weiß gar nicht, woran man schreibt. Man denkt man schreibt ein Buch und dann ist es was ganz anderes. Das war so. Und das erste Buch, mit dem ich angefangen habe, ist jetzt eigentlich das letzte, das ich veröffentliche. So als hätte ich diesen Weg gehen müssen oder wollen bevor das zu beenden war. Und das ist schon eine Zäsur.“

Alfred Goubran beim Schreiben
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Alfred Goubran beim Schreiben

„Mir steht alles zur Disposition“

Was danach komme wolle er sich offen lassen: „Ich habe auch Musik gemacht, für mich steht alles zur Disposition.“ Das Schlimmste sei für ihn, wenn etwas zur Gewohnheit werde und man es nur deshalb weiter mache, sagte Goubran: „Aber es gibt Sachen, die haben ihre Zeit und es kann durchaus sein, dass man nicht mehr schreiben kann. Dass es mal ausgeleert ist, dass es vorbei ist. Und dann sollte man sich danach richten – vielleicht etwas anderes finden oder wieder zu dem zurückkehren, was schon da war.“

Eine gewisse künstlerische und persönliche Freiheit, die Goubran nicht missen möchte, auch wenn er heuer 60 Jahre alt wurde: „Was ich im Alltag merke, ist, dass man eigentlich zufriedener mit seinen Limitationen ist. Man schaut halt, was geht. Es gibt einen sehr schönen Satz, der heißt: ‚Einer muss zeigen, was geht.‘ Und es gibt Vieles, was möglich ist.“ Als Ausgangspunkt und Motivation seien die Vorstellung von etwas oder ein Plan gut: „Aber dann muss etwas passieren. Deswegen bin ich nie böse, wenn sich meine Vorstellungen nicht erfüllen. Es ist eigentlich immer alles besser. Das hätte ich mir nie so vorstellen können. Es nimmt viel Druck weg. Und das ist so meine Zufriedenheit, die ich immer wieder finde.“

Alfred Goubran genießt seinen Toast Alfredo
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Alfred Goubran genießt den nach ihm benannten „Toast Alfredo“

Kaffeehausbesuche bringen Abwechslung und Inspiration

So sind es scheinbar banale Alltagssituationen, die für ihn zur Inspirationsquelle werden, zum Beispiel bei einem Besuch in seinem Lieblingscafe: „Unter Menschen sein, doch bei sich sein – ich glaube, deswegen ist das Kaffeehaus ideal. Man sitzt da und schaut, wie vielfältig gestaltet die Welt ist. Wenn man schreibt, verbringt man sehr viel Zeit allein. Wenn nicht gerade die Familie da ist, oder jemand, dann geht man halt in ein Kaffeehaus und ist doch nicht alleine.“

Eine Liebeserklärung an die Menschen in seiner Wahlheimat Italien. Das scheint – in gewisser Weise – auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Die weltbekannten „Spaghetti Alfredo“ bekommen Konkurrenz: In Tarcento wurde nach dem Künstler mit Kärntner Wurzeln ein Toast benannt. „Weil ich immer einen Käsetoast mit Salsa Rosa (Cocktailsauce, Anm.) bestelle haben sie dann irgendwann einfach gesagt: Ah, Toast Alfredo. Seit damals heißt er so“, sagt Alfred Goubran.