Ferriera Triest Standbild aus Film „L’ultimo calore d’accaio“ von Diego Cenetiempo und Francesco De Filippo
Diego Cenetiempo
Diego Cenetiempo

Industriegeschichte filmisch aufbereitet

Die Ferriera, die alte Stahlfabrik von Triest, galt als wichtiger Arbeitgeber und Einnahmequelle und später als Schandfleck. In den letzten Jahren wurde sie der Umwelt zuliebe teilweise abgetragen. Ein Dokumentarfilm zeigt jetzt die Geschichte hinter dem Industriebauwerk und wie das Areal künftig genutzt werden soll.

Vor 126 Jahren von der Laibacher Krainische Industrie Gellschaft erbaut, wurde in der „Ferriera“ lange Stahl hergestellt und weiterverarbeitet. Francesco De Filippo und Diego Cenetiempo hatte das Industriebauwerk in Servola, einem der äußeren Stadtteile von Triest, der früher vorwiegend von Mitgliedern der slowenischen Minderheit bewohnt wurde, schon lange in seinen Bann gezogen.

Ein Jahr Arbeit am Film

Fast ein Jahr lang arbeiteten sie an ihrem ersten gemeinsamen Dokumentarfilm unter dem Titel „L’ultimo calore d’acciaio“ – zu deutsch „Die letzte Wärme des Stahls.“ Im Mittelpunkt stand dabei nicht so sehr die Geschichte dieses spezifischen Bauwerks, sagt Francesco De Filippo: „Wir wollten generell die Geschichte des makroökonomischen Wandels von der Schwerindustrie – mit Feuer, Schweiß, Gefahr, Stress und Wut der Arbeiter – darstellen hin zum digitalen Zeitalter mit möglichst geringen Auswirkungen auf die Umwelt.“ Die Ferriera stehe als Beispiel für diesen Wandel, der aber auch andere Betriebe dieser Art auf der ganzen Welt betreffe.

Diego Cenetiempo erzählt, das Fabriksgelände habe er bislang nur von außen gekannt und es auf Fotos oder beim Vorbeifahren mit dem Auto gesehen: „Man roch schon von weit her den Gestank oder sah gelblich-rote Wolken. Als wir dann zum ersten Mal hinein durften überdeckte die Neugier alles andere.“

Fotostrecke mit 6 Bildern

Ferriera Triest Standbild aus Film „L’ultimo calore d’accaio“ von Diego Cenetiempo und Francesco De Filippo
Diego Cenetiempo
Die alte Stahlfabrik Ferriera vom Meer aus gesehen
Ferriera Triest Standbild aus Film „L’ultimo calore d’accaio“ von Diego Cenetiempo und Francesco De Filippo
Diego Cenetiempo
Industrieruine „Ferriera“
Ferriera Triest Standbild aus Film „L’ultimo calore d’accaio“ von Diego Cenetiempo und Francesco De Filippo
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Teile der Stahlfabrik Ferriera vor dem Abbruch
Ferriera Triest Standbild aus Film „L’ultimo calore d’accaio“ von Diego Cenetiempo und Francesco De Filippo
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Die Abbrucharbeiten
Ferriera Triest Standbild aus Film „L’ultimo calore d’accaio“ von Diego Cenetiempo und Francesco De Filippo
Diego Cenetiempo
Schlote und Tanks von oben
Ferriera Triest Standbild aus Film „L’ultimo calore d’accaio“ von Diego Cenetiempo und Francesco De Filippo
Diego Cenetiempo
Teilweise abgerissene ehemalige Betriebsgebäude der Stahlfabrik „Ferriera“ in Triest

Erstlingswerk für Journalisten De Filippo

Für den Journalisten Francesco De Filippo, der in Friaul Julisch Venetien die Nachrichtenagentur ANSA leitet und sonst auch Bücher schreibt, war es der erste Schritt auf dem Gebiet des Filmes. Mit Filmemacher Diego Cenetiempo hatte er einen geduldigen Kollegen an seiner Seite, sagt er: „Ich habe meistens keinen vorgefertigten Plan. Es gefällt mir, wenn ich einen Ort sozusagen jungfräulich betreten kann, ohne eine fixe Idee davon zu haben. Ich mag es, mich einmal umzuschauen, alles wahrzunehmen und dann etwas aufzuschreiben oder in unserem Fall zu filmen zu beginnen. Er hat mich durch diesen Prozess begleitet, der sehr komplex war.“

Der Kreative und der Ordentliche

De Filippo sieht sich selbst als „kreativen Geist“, während sein Kollege „ordentlich und diszipliniert“ sei, weshalb die beiden einander wohl perfekt ergänzen würden: „Manchmal hatte er es schwer, mir nachzukommen, aber er hat mir vertraut. Dafür bin ich ihm dankbar. Er hat das Drehbuch nach meinen Recherchen umgesetzt und später haben wir dann zig Stunden Filmmaterial zusammengeschnitten.“

Francesco De Filippo
ORF
Francesco De Filippo im Skype-Interview

Schmutzige, aber beeindruckende Dreharbeiten

Es entstand ein einstündiger Film, der ohne große Worte auskommt. Er ist weitgehend selbst tragend gestaltet – das heißt, auf einen Erzähler wird verzichtet. Es sollen in erster Linie die Bilder wirken und einen Eindruck von den Gegebenheiten vor Ort vermitteln.

Diese waren mitunter recht schmutzig, wie Diego Cenetiempo erzählt, der auch selbst filmte: „Nach den Aufnahmen waren wir meist ganz schwarz, voller Ruß. Ich musste immer die Kamera und Linsen komplett reinigen. Das war sehr aufwändig. Aber für jemanden, der wie ich beruflich von und mit Bildern lebt, war es sehr beeindruckend.“

Beispielloser Zusammenhalt unter der Belegschaft

Fasziniert habe ihn auch der Zusammenhalt unter der Belegschaft der Stahlfabrik – trotz der harten, schweißtreibenden Arbeitsbedingungen, sagt Francesco De Filippo: „Diese unglaublich starken Männer mit ihren großen Händen zu interviewen, die es gewohnt waren, Stahl mit bloßen Händen zu verformen und sie von ihrer Arbeit reden zu hören war sehr bewegend. Wie alles vor über hundert Jahren begann, unter sehr harten Bedingungen und wie der technologische Fortschritt immer mehr Einzug hielt. Sie sprachen davon in der Vergangenheit und waren dabei sehr gerührt und hatten sogar Tränen in den Augen.“

Viel Zusammenhalt unter Arbeitern

Er ist überzeugt, dass gerade in handwerklichen Berufen mehr Nähe zwischen den Kollegen bestehe. Arbeiter hätten sofort das Gefühl, im selben Boot zu sitzen und für die selben Werte einstehen zu müssen. Klassische Schreibtischtätigkeiten, wie etwa sein Beruf als Journalist, würden so intensive Freundschaften nicht zulassen, sagt Francesco De Filippo. Einer der Zeitzeugen, die für ihn diesen Ansatz belegen, ist Roberto Decarli. Er arbeitete von den 1960er Jahren an fast drei Jahrzehnte in der Stahlfabrik: „Wenn bei einem von uns ein Umzug anstand, waren die anderen sofort zur Stelle und halfen mit.“

Sendungshinweis:

Servus, Srecno, Ciao; 15.1.2022

Andrea Svic ist noch heute dort als Abteilungsleiter beschäftigt. Er sagt, viel habe sich im Laufe der Jahre verändert: „Die schönste Erinnerung verbinde ich mit den Weihnachtsfesten, die wir hier gemeinsam verbrachten. Am Heiligen Abend aßen wir immer zusammen. Zeit miteinander zu verbringen war wichtig für uns. Das fehlt mir jetzt sehr.“

Diego Cenetiempo
ORF
Diego Cenetiempo

Abbrucharbeiten hautnah miterlebt

Die Zeiten, die Arbeitsweisen und nicht zuletzt auch das Umweltbewusstsein änderten sich. Vor zwei Jahren wurde mit dem teilweisen Abbruch begonnen, der in dem Dokumentarfilm eindrucksvoll dokumentiert wird. „Wir sahen vor uns 30, 40 Meter Hohe Schlote der Hochöfen zu Boden krachen oder die riesigen Abbruchkräne, die ein bisschen an große Dinosaurier erinnern und die dieses ‚verletzte Monster‘ verschlingen“, sagt Diego Cenetiempo.

Es habe eine Art Weltuntergangsstimmung geherrscht, aber es gab auch positive Begegnungen, sagt sein Projektpartner Francesco De Filippo: „Man muss bedenken, dass diese Fabrik früher sehr viel Lärm, laute Knallgeräusche und Umweltverschmutzung verursachte. Anrainer berichten davon, dass lange weit und breit keine Vögel zu sehen waren. Wir konnten uns selbst bei unseren Dreharbeiten ein Bild davon machen, dass sie jetzt immer mehr in diese Gegend zurückkehren.“

Ferriera Triest Standbild aus Film „L’ultimo calore d’accaio“ von Diego Cenetiempo und Francesco De Filippo
Diego Cenetiempo
Die Ferriera nach dem teilweisen Abbruch

Hochöfen wichen Logistikterminal

Auch politische Vertreter und Experten aus dem Bereich der Stahlerzeugung kommen in dem Film zu Wort. Schließlich wird ein Ausblick darauf gegeben, was mit dem Werksgelände in Zukunft passieren soll. „Auf dem sogenannten ‚kalte Areal‘ werden weiterhin im Walzwerk große Stahlspulen bearbeitet. Das sogenannte ‚warme Areal‘, wo sich früher die Hochöfen befanden, wird zu Hafengelände“, sagt Francesco De Filippo. Dort soll ein Logistikzentrum entstehen und Triest mit wichtigen Warenverteilungszentren in ganz Europa vernetzen.

Fest steht: Den Schutz der Umwelt und das Wohl der Mitarbeiter wollen die Betreiber künftig in den Mittelpunkt stellen. Zu sehen ist der Dokumentarfilm beim Filmfestival von 21. bis 30. Jänner in Triest und im Internet unter dem Titel „L’ultimo calore d’acciaio“.