Kerze anzünden
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Weihnachten nicht daheim

Weihnachten ist das Fest der Liebe und des Zusammenseins im Kreise von Familie und Freunden. Für viele Menschen im Alpen-Adria-Raum wird das heuer wohl nicht möglich sein. Betroffene, die in der Ferne sind, erzählen, was sie besonders an ihrer Heimat vermissen.

Petra Haag hat seit 28 Jahren in Pordenone ihren Lebensmittelpunkt. Gerade in der Vorweihnachtszeit denkt sie gerne daran zurück, wie stimmungsvoll sie diese immer in ihrer Heimat Kärnten empfunden hat: „Diese besinnliche Zeit – das fehlt hier komplett und das ist etwas, das ich in Kärnten immer sehr genossen habe. Weitab auch von dem Rummel, sondern einfach wieder in sich gehen und sich auf dieses Fest vorbereiten. Das fehlt mir am meisten und natürlich das Beisammensein mit der Familie.“

Sohn kommt – mit Schwiegermutter wird nachgefeiert

Für sie heuer zusätzlich schwer – die monatelange Trennung von ihren beiden Söhnen. Zumindest einer von ihnen kann aber daheim in Pordenone mit der Familie die Festtage verbringen: „Mein Größter ist im Ausland. Den sehe ich seit Ende Februar nicht mehr. Der mittlere Sohn war auch im Ausland, ist aber seit September in Italien, aber eben in einer anderen Region. Das ist die einzige Person, mit der wir es dann schaffen, dass die zusätzlich zu Weihnachten nach Hause kommen kann.“

Die Sache hat aber auch einen Haken: Um ihre betagte Schwiegermutter nicht zu gefährden wird mit ihr das Weihnachtsfest nachgeholt, so Petra Haag: „Da muss man jetzt in den sauren Apfel beißen und durchhalten. Meine Schwiegermutter lebt nebenan. Sie ist 85. Aber ich kann sie zu Weihnachten nicht einladen, weil mein Sohn kommt. Das geht nicht. Das ist nicht vereinbar. Ich könnte das nicht verantworten, wenn da irgendetwas passieren sollte. Ich hoffe, dass diese Situation sich bald wieder normalisiert.“

Sendungshinweis:

Servus, Srečno, Ciao, 19. Dezember 2020

Christkind fliegt trotzdem über die Grenze

Auch wenn sie selbst nicht nach Kärnten fahren kann hat Petra Haag einen Weg gefunden, wie das Christkind dennoch ein paar kleine Weihnachtsüberraschungen in die alte Heimat bringen kann: „Eine nette Kollegin, die nach Kärnten musste, meine Weihnachtsgeschenke mit nach Österreich genommen. Die macht dann einen Austausch und ich bekomme von meiner Mama auch was zugeschickt. Wir machen halt oft Videochats oder wir schreiben uns oft, aber jeder muss das halt irgendwie durchstehen. Aber es ist halt schon merkwürdig. Es ist eigentlich das erste Mal, dass ich nicht mit meiner Kärntner Familie feiere.“

Petra Haag
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Petra Haag

Letztes Familientreffen im November

Im November hat sie ihre Lieben zum letzten Mal gesehen – ein Treffen quasi auf halbem Weg, in Camporosso/Saifnitz im Kanaltal: „Wir haben Jause mitgenommen und haben dort einen Picknicktisch gefunden und haben dort gepicknickt und sind eine Runde spazieren gegangen. Es war das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben vor Weihnachten. Wir haben die Zeit bis zum Schluss ausgenutzt, um uns zu sehen. Ich muss ja auch an meine Eltern denken, die sind auch alleine zu Weihnachten, es ist für sie auch merkwürdig. Wir werden halt virtuell ein Bierchen gemeinsam trinken.“

Familientreffen im Kanaltal
Petra Haag
Letztes Treffen von Familie Haag im Kanaltal

Miloš Malinić vermisst Köstlichkeiten seiner Mutter

Den traditionellen Weihnachtsbesuch bei seinen Eltern in Umag/Umago wird Miloš Malinić heuer ausfallen lassen. Er lebt in Triest und nicht einfach so, wie sonst auch über die Grenze zu dürfen, treffe alle hart, sagt er. Doch die Gesundheit gehe vor. Er sagt, er wird besonders die Festtagsgerichte seiner Mutter vermissen: dazu zählen Mlinici – eine nudelartige Beilage, die in Istrien zum Truthahn gegessen wird. Oder Süßspeisen wie Frittole, Bärentatzen und Vanillekipferln. „Die hat auch schon meine Oma immer gemacht“, sagt Miloš Malinić.

Milos Malinic
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Miloš Malinić

Katja Roblek: Persönlicher Kontakt fehlt

Katja Roblek lebt seit ein paar Jahren an der italienisch-slowenischen Grenze in San Floriano del Collio/Stevarjan. Wenn sie nicht gerade auf ihrem Weingut beschäftigt sind verbringen sie und ihr Mann Ivan fast jede freie Minute in Katjas alter Heimat Zell-Freibach.

Katja Roblek und ihr Mann Ivan bei der Arbeit im Weingarten in San Floriano del Collio / Stevarjan
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Katja Roblek mit ihrem Mann Ivan im Weingarten an der italienisch-slowenischen Grenze

„Wir sind eigentlich jedes Wochenende nach Kärnten gefahren. Das ist jetzt praktisch unmöglich. Das ist schon ein Einschnitt in die persönliche Freiheit. Gewisse Gewohnheiten werden einfach unterbunden. Der Kontakt – trotz Telefon – ist anders. Auch wenn man skyped oder über Whatsapp telefoniert, Videokonferenzen macht. Der persönliche Kontakt fehlt“, sagt Katja Roblek.

Katja Roblek
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Katja Roblek

Heuer kann sie zum ersten Mal nicht mit ihrer Kärntner Familie Weihnachten feiern: „Fehlen wird mir der Weihnachtsbaum, die Krippe, die Mitternachtsmette. Es werden mir die Ripperln fehlen, die wir eigentlich immer nach der Mette gegessen haben. Auch die Kekse von der Tante." Um zumindest kulinarisch das Heimweh zu lindern hat Katja Roblek vorgesorgt und bei ihrem letzten Besuch in Kärnten gewisse Sachen eingekauft bzw. von zu Hause mitgenommen.“

Statt Babbo Natale kommen Christkind und Kärntner Oma

Auch für die gebürtige Kärntnerin Micaela Longo ist es das zweite Weihnachtsfest, das sie nicht in ihrer alten Heimat verbringen kann. Dabei wäre ihr – gerade heuer – besonders viel daran gelegen. Im Frühjahr starb ihre Oma – wegen des ersten Lockdowns konnte sie nicht bei ihrer Beerdigung dabei sein.

Umso mehr freut sie sich, dass zumindest ein gemeinsames Weihnachtsfest im kleinen Kreise, gemeinsam mit ihrer Mutter aus Kärnten möglich sein wird: „Sie wird eine Woche bleiben und dann muss sie wieder fahren und dann in Österreich in Quarantäne gehen. Sie muss ja dann wieder arbeiten. Also haben wir das mit dem Kalender ausgerechnet. Natürlich muss sie, bevor sie nach Italien kommt, einen negativen Test vorweisen.“

Micaela Longo
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Micaela Longo

Weihnachtsbaum und Kekse schon vorbereitet

Bis der Besuch aus Kärnten eintrifft hat Micaela Longo alle Hände voll zu tun – sie hält an den Bräuchen ihrer Heimat fest, obwohl sie seit ihrer Jugend in Friaul Julisch-Venetien lebt: „Kekse habe ich schon gebacken – Vanillekipferln, Zimtsterne, Nusswürste. Ich versuche, meine Kärntner Tradition aufrecht zu erhalten.“

Weihnachtskekse von Micaela Longo
Micaela Longo
Selbstgebackene Weihnachtskekse von Micaela Longo

Der Weihnachtsbaum steht leider schon. Das ist Tradition in Italien, dass man den Weihnachtsbaum am 8. Dezember macht. Was ich nie gemacht habe, ich habe ihn immer am 24. am Nachmittag in Klagenfurt gemacht. Aber mein Sohn wollte den Baum unbedingt, weil seine Schulfreunde schon erzählt haben davon, also habe ich da ein bisschen nachgelassen. Aber das Christkind kommt am 24. – kein Babbo Natale", sagt Micaela Longo.

Weihnachtsbaum von Micaela Longo
Micaela Longo
Teile des Christbaumbehangs erinnern an die österreichischen Wurzeln von Micaela Longo

Trotz Distanz gemeinsame Momente schaffen

Barbara Ogris von der Telefonseelsorge der Caritas rät all jenen, die Weihnachten physisch getrennt von ihrer Familie, dem Partner oder verbringen müssen, dennoch in irgendeiner Form gemeinsam verbrachte Momente zu schaffen: „… dass man sich digital trifft, Weihnachten vielleicht einmal ganz anders feiert – mit Skype, Whatsapp, mit allen Möglichkeiten, die wir momentan haben. Es ersetzt natürlich nicht den persönlichen Kontakt, aber trotzdem kann man sich über die Distanz auch ein bisschen nahe sein.“

Auch wenn es nicht immer leicht fällt, diese an den Tag zu legen, gerade wenn man sich alleine fühl – eine optimistische Denkweise kann hilfreich sein, so die Expertin: „Eine gewisse Form der Kontrolle haben wir über unser Leben, auch wenn wir jetzt eingeschränkt sind. Wir haben gewisse Freiheiten, die uns trotzdem zur Verfügung stehen, gewisse Strukturen, Abläufe, die trotzdem noch halbwegs normal funktionieren können und aus diesen Kraft zu schöpfen und nicht so sehr den Fokus in Corona und den Einschränkungen zu verlieren, sondern vielleicht ein bisschen hin zu lenken: was kann ich trotz Corona gut machen, was habe ich für Möglichkeiten.“

Barbara Ogris Telefonseelsorge Kärnten
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Barbara Ogris von der Telefonseelsorge Kärnten

Abwechslung suchen und Freude in kleinen Dingen finden

Greifbares sollte auch genutzt werden – dazu brauche es nicht viel, sagt Barbara Ogris. Für Abwechslung könne zum Beispiel ein spannendes Buch sorgen oder einen ausgedehnten Spaziergang mit dem Hund oder einfach nur alleine zu machen – um neue Eindrücke auf sich wirken zu lassen.

Alles, was einem Freude bereitet, ist erlaubt – Stichwort Selbstfürsorge. Dazu gehört – so Barbara Ogris – auch „gut zu schlafen, gutes Essen zu sich zu nehmen, dass man sich die Feiertage auch selbst schön macht zum Beispiel.“

Bewusste Grübel-Zeit stoppt Gedankenkarussell

Negative Gedanken einfach zu ignorieren gelingt meist nicht. Je mehr man versucht, sie auszublenden, umso stärker drängen sie sich in den Vordergrund. Die Expertin rät daher dazu, sich eine bewusste Grübel-Zeit zuzugesehen: „Es ist durchaus in Ordnung, dass man sich Sorgen macht oder sich vielleicht einmal traurig fühlt – es sind neue Herausforderungen, aber dann den Blick vielleicht ein bisschen weg zu wenden: Was ist trotzdem noch positiv und was macht mein Leben trotzdem noch schön, trotz dieser ganzen Einschränkungen, die wir haben?“

Nicht zuletzt kann auch der Blick nach vorne Hoffnung stiften. Gerade jetzt, wo das Jahr zu Ende geht, nutzen Viele die Zeit, um Bilanz zu ziehen – aber auch um Pläne zu schmieden. Ogris: „Sich einfach überlegen: Was wünsche ich mir? Wir hoffen doch, dass nächstes Jahr, 2021, Vieles wieder leichter wird. Vieles von unserem vorher bekannten Alltag wieder gehen wird und sich einfach zu überlegen, was würde ich dann gleich als Erstes machen? Da möchte ich gerne irgendwohin reisen oder ich möchte die und die Person, die ich jetzt länger nicht gesehen habe, persönlich treffen.“

Es gehe darum, letztendlich nicht aus den Augen zu verlieren, dass auch wieder eine Zeit komme, in der all das wieder möglich sein wird, sagt Barbara Ogris. Das Beratungsangebot der Telefonseelsorge Kärnten der Caritas steht rund um die Uhr kostenfrei – telefonisch und online – zur Verfügung.