Marschieren in der NS Zeit
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Kultur

Familiensaga mit dunklen Erinnerungen

„Malvenflug“ heißt der aktuelle Roman der gebürtigen Kärntner Autorin Ursula Wiegele. Es ist ein zum Teil fiktives Familienpanorama, das auf historischen Fakten basiert und auch die dunkle Geschichte Kärntens beleuchtet wie die NAPOLA im Lavanttal, die Eliteschule der Nazis.

Zwei gemalte Vögel, die auf einem Baum mit gelben Früchten sitzen zieren das Buchcover und könnten den Betrachter auf eine falsche Fährte führen, wenn man sich eine in erster Linie idyllische Familiensaga erwartet. Autorin Ursula Wiegele: „Malven spielen eine große Rolle im Roman, also Stockmalven oder Stockrosen oder Bauernrosen genannt. Die Samen dieser Malven werden immer von Generation zu Generation weitergegeben und die wachsen an verschiedenen Orten und das ist alles eingeflochten.“

Autorin Ursula Wiegele
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Autorin Ursula Wiegele

Emma ist der Großmutter nachempfunden

Der erste Teil des Romans, der zwischen den Jahren 1940 bis 1945 spielt, ist unter anderem in Davos, im Schweizer Graubünden, angesiedelt, so die Autorin: „Emma im Roman ist meiner Großmutter sozusagen nachgebaut, die nach Davos gegangen ist und dort gearbeitet hat, um Schulden abzuzahlen und ihre vier Kinder auf verschiedenen Kostplätzen untergebracht hat. Im zweiten Teil gibt es Helga, das ist die älteste Tochter im Roman, nicht die reale Tochter. Sie war im Kloster und tritt 1945 aus aus dem Orden. Sie wird dann zur Ich-Erzählerin.“

Düstere Familiengeschichte

Die Kärntner Autorin Ursula Wiegele hat ihren neuen Roman „Malvenflug“ veröffentlicht. Darin taucht sie einmal mehr in ihre Familiengeschichte ein, teils fiktiv, teils auf historischen Spuren wie denen der NAPOLA, der NS-Eliteschule im Lavanttal.

Sie berichtet unter anderem über das Schicksal von Irene Ransburg, die 1898 geboren wurde. Eine sensible und begabte Frau, die in jungen Jahren sowohl blind als auch gehörlos wurde, sagte Wiegele: „Sie ist eine getaufte Jüdin, die 1944 im Odilieninstitut verraten wurde, nach Theresienstadt deportiert und in Auschwitz ermordet wurde." Ihr wurde später in Graz der erste Stolperstein in Braille gewidmet.

Stolperstein für Irene Ransburg
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Stolperstein von Irene Ransburg in Braille

Alle Orte selbst besucht

Weitere Handlungsorte im Roman Malvenflug sind Kirchbach im Gailtal, Spanheim oder St. Paul, Graz und Brünn in Mähren. Im zweiten Teil führt die Handlung auch in südliche Gefilde wie Grado, Cividale del Friuli und Neapel. All diese Orte besuchte Ursula Wiegele im Laufe der vergangenen drei Jahre: „Mir war immer sehr wichtig, dass ich selbst an den Handlungsorten bin. Möglichst zur gleichen Jahreszeit, wie es im Roman ist. Dass ich dort selbst vor Ort alles erkunde auch schaue, wie riecht es dort, was ist dort zu erfahren. Das ist mir ganz wichtig, ich mag nicht einfach aus Büchern etwas abschreiben oder aus Reiseführern, das mache ich nicht.“

Stift Sankt Paul
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Im Stift St. Paul war die NAPOLA untergebracht

Elemente der Familiengeschichte

Insgesamt sind es zum Teil Elemente ihrer eigenen Familiengeschichte, vermengt mit Details aus der – auch dunklen – Vergangenheit Kärntens und Erzählungen von Zeitzeugen, die Ursula Wiegele ihren Lesern auf 223 Seiten näherbringen will: „Es ist nicht ein breit auserzählter Roman, sondern es werden im ersten Teil so Schlaglichter geworfen – auf bestimmte Szenen, an den verschiedenen Handlungsorten. Ich bekenne mich zum Fragmentarischen und Reduzierten. Ich möchte, das Räume offen bleiben, Räume wo die Leser sich selber was vorstellen können.“

Ursula Wiegele mit Pater Sitar
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Ursula Wiegele mit Pater Sitar

Die Schulen der Nazi-Elite

Abenteuer, Ansehen und Aussicht auf eine glanzvolle Karriere wurde Jugendlichen versprochen, die an einer der NAPOLAs berufen wurden, die nationalpolitischen Lehranstalten. Auch sie kommen im Buch vor. Die Recherchen von Ursula Wiegele führten sie unter anderem zu einem Zeitzeugen nach Ferlach und nach St. Paul im Lavanttal.

NS Propaganda 1936
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In der NAPOLA ging es weniger um Geisteswissenschaften als um körperliche Ertüchtigung und Nahkampf

Zur Handlungszeit trug St. Paul im Lavanttal den Namen Spanheim. Im Konvikt, wo noch heute unterrichtet wird, waren von 1941 bis 45 die Jungmannen untergebracht. Auch der Vater von Ursula Wiegele besuchte diese damals nach nationalsozialistischen Idealen ausgerichtete Eliteschule. Er sprach aber nie darüber: „Mein Großvater war eine recht wichtige Persönlichkeit bei der Reichsbahn in einer höheren Position und natürlich Parteimitglied. Da ist es sehr naheliegend, dass der älteste Sohn auf die NAPOLA kommt. Mein Vater hat sich hier aber nicht wohlgefühlt. Soviel weiß ich – mehr weiß ich nicht, weil ich leider verabsäumt habe, mit ihm darüber zu sprechen.“

Anleitungen zum Nahkampf in NS Zeit
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Kampf und Wettbewerb wurden in der NS-Ausbildung groß geschrieben

Strenge Disziplin in der NAPOLA

Im Zuge ihrer Recherchen kam die Autorin mit Pater Gerfried Sitar in Kontakt, der ihr einige historische Dokumente zur Verfügung stellte. Wichtig seien hier die Tagebücher von Pater Hartwig Labi, alle anderen Benediktiner hätten Gauverweis bekommen, er habe aber bleiben dürfen, so die Autorin. Er habe alles genau dokumentiert, ganz neutral. „Es ist schon interessant, dass ein Ort des Glaubens dann in einen Ort des nationalsozialistischen Drills verwandet wird. Die NAPOLAs waren ja dazu eingerichtet, um eine Elite hervorzubringen. Da ist es ja ganz streng abgegangen. Da war der Tag durchstrukturiert – von ganz in der Früh bis spät am Abend. Die haben kaum Freizeit gehabt.“

Schülerausweis von Roland Popatnik
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Schülerausweis von Roland Popatnik

Pater Sitar zur Schule: „Hier war der Ausrichtungsschwerpunkt ganz klar in Richtung körperliche Ertüchtigung und Kriegsrichtung gegeben – während unten in der Schule schon auch die Geisteswissenschaften gepflegt wurden. Aber man merkt das auch am Stundenplan von 1938, dass sich nach der Übernahme durch die Nationalsozialisten, der Lehrplan grundlegend geändert hat. Latein, Griechisch war nicht mehr so wichtig, dafür Leibesübungen an erster Stelle. Man merkt – der Zeitgeist hat sich stark geändert und auch das Bildungsniveau an unseren Schulen hat sich grundlegend geändert.“

Zeitzeuge Roland Popatnik
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Ursula Wiegele mit Roland Popatnik, der nicht über seine brutale Schulzeit hinwegkam

89-Jähriger war Schüler an der NAPOLA

An die harten Strafen erinnert sich noch heute der 89-jährige Roland Popatnik aus Ferlach. Er ist einer der Letzten noch lebenden ehemaligen NAPOLA-Schüler in Kärnten. Als er einmal im Luftschutzbunker seine Kappe, in der sein Name stand, verlor, hatte dies Konsequenzen: „Aufgrund dessen bin ich eingesperrt worden, rund drei Stunden und musste Holzanhänger für Schlüssel schmirgeln.“

Buchcover von Malvenflug
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Das Buch Malvenflug

Wer keinen Gehorsam leistete wurde vor seinen Kameraden bloßgestellt: „Es war oft Spindkontrolle, ob die Kleider in Ordnung waren. Wenn es nicht gepasst hat, ist der, der kontrolliert hat, alles herausgeworfen und binnen einer Stunde musste alles aufgeräumt sein.“ Es habe auch eine Arbeitsuniform aus Drillich gegeben. Habe jemand etwas angestellt, musste er in dieser Uniform mit den anderen mitmarschieren, sodass jeder gesehen habe, der habe etwas angestellt, so Popaptnik. Er habe auch oft Heimweh gehabt, erinnert er sich. Dann habe er geweint, was hätte er auch sonst machen sollen, sagte er.

Lesungen aus „Malvenflug“

Seine Erzählungen dienten Ursula Wiegele als Inspiration für ihr Werk „Malvenflug“, erschienen im Otto-Müller-Verlag. Am 19. April liest Wiegele im Musil-Institut Klagenfurt, am 28. April in Kötschach-Mauthen und am 2. Juli im Gailtalmuseum auf Schloss Möderndorf in Hermagor.