Havarierter Reaktor IV in Tschernobyl
Chronik

Erinnerung an Tschernobyl-Atomunfall

Am 26. April jährt sich der Reaktorunfall im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl zum 35. Mal. Noch heute sind Spuren in unbearbeiteten Böden nachweisbar, denn die radioaktive Wolke zog auch über Kärnten und gelangte durch Regen in den Boden. Kärnten setzt sich seit Jahren für eine Schließung des AKW Krsko in Slowenien ein.

Barbara Notsch aus Pörtschach war Volksschuldirektorin, verantwortlich für knapp 100 Kinder, als sie die Meldung von einer Atomkatastrophe in der Ukraine im Radio hörte: „Wir haben darauf achten müssen, dass alle Fenster im Schulgebäude geschlossen waren, dass kein Kind am Vormittag das Gebäude verlassen durfte. Wir haben auch den Auftrag bekommen, die Eltern schnell zu verständigen und dass die Kinder nicht auf Spielplätze gehen und in Sandkisten spielen.“ Im Sachunterricht habe man dann durchgenommen, dass alles, was im Freien wachse, nicht gegessen werden solle, so Notsch.

Barbara Notsch
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Barbara Notsch musste sich um 100 Kinder und deren Eltern kümmern

Sowjetunion vertuschte lange

Erst viel später kam ans Licht, was bei der Simulation eines Stromausfalls im Kernkraftwerk wirklich passiert war. Aufgrund der bauartbedingten Eigenschaften des Reaktors und wegen Verstößen gegen die Sicherheitsvorschriften war es zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg im Atomkraftwerk gekommen, der Reaktor explodierte und setzte Radioaktivität von mehreren Trillionen Becquerel frei.

35 Jahre Tschernobyl

Hektik im Radio-Kärnten-Studio

Die Erstmeldung, dass es einen folgenschweren Reaktorunfall gegeben habe, kam damals aus dem ORF Landesstudio Kärnten. Nachrichtenredakteur Siegfried Meißnitzer und Moderator Carl Hannes Planton hatten damals Dienst im Radio-Kärnten-Studio. Meißnitzer erinnert sich, dass es gegen Ende des Frühdienstes war.

Siegfried Meißnitzer
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Siegfried Meißnitzer war damals Nachrichtenredakteur

Kollege Planton sei mit einem Zettel gekommen, hab ihm den Zettel vor die Nase gehalten und darauf sei gestanden, „dringend“ Landesamtsdirektor Werner Lobenwein zurückzurufen: „Da habe ich schon gewusst, dass es etwas Heikles ist. Er hat mir gesagt, ich soll die Bevölkerung warnen, dass die Kinder zuhause und die Fenster geschlossen bleiben sollen. Es hat einen Atomunfall in Tschernobyl gegeben und eine radioaktive Wolke, die sich durch ungünstige Witterung über Kärnten abgeregnet hat.“

Alle wollten Informationen

Von überall her seien Anrufe gekommen, sagte Meißnitzer, von Ö3, von Ö1, Radio- und Fernsehstationen bis Deutschland wollten Interviews. Kurze Zeit nach der Verlautbarung folgte die ersten Krisensitzung in der Landesregierung, Vieles war noch unklar, Informationen aus der Ukraine gabt es nur wenige. Doch das damals schon installierte Frühwarnsystem des Landes schlug an, alle Warnleuchten blinkten.

Archivaufnahme der Kärntner Warnkarte
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Archivaufnahme des Frühwarnsystems

Auf unbearbeiteten Böden noch nachweisbar

Die Folgen der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl sind auch heute noch nachweisbar. Laut AGES halte unbearbeiteter Waldboden Cäsium 137 länger als Ackerflächen. In Acker- und Wiesenflächen werde es durch Regen in tiefere Schichten gespült und auch bei der Bearbeitung der Felder in tiefere Schichten eingearbeitet. Bei landwirtschaftlichen Produkten spiele Cäsium-137 daher keine Rolle mehr.

AKW Karte von Global 2000
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Österreich ist umgeben von AKWs

Im Waldboden verbleibe Cäsium 137 aber in den obersten Schichten und könne so über die Wurzeln aufgenommen werden. In der Folge nehmen Wildtiere, insbesondere Wildschweine, die diese oberste Bodenschicht bei der Nahrungssuche durchwühlen, Cäsium 137 auf. Die Halbwertszeit beträgt rund 30 Jahre.

Keine Gesundheitsgefährdung durch Pilze

Auch bei Pilzen ist Cäsium 137 in Kärnten nachweisbar, es gibt aber auch bei Verzehr größerer Mengen keine gesundheitlichen Folgen, denn die Werte sind zu gering. Es gibt in Kärnten eine eigene Pilzlandkarte. Zur Orientierung gibt es auch Erläuterungen zur Karte.

Sorge wegen Krsko

Der Blick auf die Europakarte zeigt, dass Österreich von aktuell mehr als 100 Atomreaktoren umringt ist, 13 der 27 EU-Mitgliedsstaaten betreiben Atomkraftwerke. Seit Jahren setzt sich Kärnten für eine Schließung des AKW Krsko in Slowenien ein, das in einem Erdbebengebiet liegt – mehr dazu in Internationale UVP für AKW Krsko erreicht.

Kaliumjodidtabletten als Soforthilfe

Vor der Aufnahme radioaktiver Strahlung kann man sich selbst schützen, indem man Kaliumjodidtabletten schluckt. Schulen und Kindergärten sind damit ausgestattet und verabreichen sie im Notfall (mit Erlaubnis der Eltern). Sie sind ein fast hundertprozentiger Schutz gegen die Aufnahme von radioaktivem Jod durch die Schilddrüse. Nimmt man zum richtigen Zeitpunkt Kaliumjodidtabletten ein, ist die Schilddrüse damit bereits blockiert und kann kein radioaktives Jod mehr aufnehmen, das zu Krebs führen kann.

Studie: Europäische Reaktoren veraltet

Das Risiko schwerer Atomunfälle steige deutlich an, sagte am Montag Kärntens Umweltlandesrätin Sara Schaar (SPÖ). Eine internationale Studie, beauftragt von der „Allianz der Regionen für einen europaweiten Atomausstieg“ komme zu dem Schluss, dass die Technologie und Sicherheitskonzepte aller derzeit betriebenen europäischen Leistungsreaktoren veraltet sei – mehr dazu in Land bekräftigt Nein zu Krsko.