Besuch im Boramuseum von Triest

Triest trägt den Beinamen “cittá della Bora”, also Stadt der Bora. Diesem trockenen, kalten und böigen Fallwind, der typisch ist für die Adriaküste, ist in der Hafenstadt ein kleines Museum gewidmet. Es hält allerlei Kuriositäten parat.

Hüte und andere Gegenstände, die durch die Luft fliegen; Mülltonnen, die - wie von Geisterhand bewegt - durch die Straßen fahren und Reihen von Motorrädern, die wie umgefallene Dominosteine eines neben dem anderen am Boden liegen - all das macht die Bora möglich. Wenn sie mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 200 km/h durch die Straßen von Triest fegt, ist quasi nichts vor ihr sicher. Eine Faustregel besagt, dass sich das so anfühlt, als würde sich ein Gewicht von hundert Kilogramm gegen einen stemmen.

SSC Boramuseum Triest
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Die Bora in Triest
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„Jazzini“ werden diese Art Spikes im Triestiner Dialekt genannt. Sie sollen den glatten Schuhsohlen zu mehr Bodenhaftung verhelfen.

Wo die Bora sonst noch weht

Bora-Winde gehen von einem aus dem Polargebiet wandernden, starken Kaltluftausbruch hervor. Am Boden treten sie als nördliche oder nordöstliche Windströmungen zum adriatischen Küstengebiet hin in Erscheinung. Die Bora kommt bei vergleichbaren Gegebenheiten neben der Ostküste der Adria noch an der russischen Schwarzmeerküste, in Skandinavien und in Japan vor.

Fallwind erreicht bis zu 200 km/h

Auch wenn die Bora ein unsichtbares Phänomen ist - für die Triestiner sie ein Teil des Alltags, mit dem sie sich - wohl oder übel - zu arrangieren wissen, sagt Meteorolge Furio Pieri: „Vor allem die alten Häuser wurden so gebaut, dass sie auch stärkere Windböen aushalten. Sie können ja zwischen 120 und 150 km/h oder auch mehr erreichen. Problematischer wird es, wenn der Wind aus anderen Richtungen kommt. Problematischer wäre es für die Stadt, wenn ein stärkerer Süd- oder Westwind wehen würde.“

Wie die Bora entsteht erklärt der Meteorologe Sergio Nordio: „Wenn ein starkes Hoch in Osteuropa oder noch näher in Slowenien oder Österreich wirksam ist und wenn im Adriaraum Tiefdruck herrscht. Auch wenn im Mittelmeerraum und über dem Tyrrenischen Meer ein Tief wirksam wird führen die Unterschiede im Luftdruck und in den Temperaturen zur Bora und anderen starken Winden, die im Osten und Nordosten vorkommen.“

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Für die Meteorologen ist die Bora ein spannendes „Forschungsobjekt“.

Starke Boraphasen werden wieder mehr

Am stärksten ist die Bora im Winter, so der Experte: „Es ist sehr unregelmäßig wie oft und wie stark die Bora in auftritt. Zwischen den 80er und 90er Jahren ist die Bora leicht zurückgegangen. Seit zehn, fünfzehn Jahren nehmen die Phasen mit starker Bora wieder zu - vor allem während der Wintermonate.“

Für Rino Lombardi reinigt dieser böige Fallwind nicht nur den Himmel, sagt er: „Die Bora gibt uns das Gefühl von Reinheit und Leichtigkeit.“ Ihm persönlich gibt sie Energie, wie er sagt.

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Rino Lombardi bastelt mit den Besuchern seines Museums zum Abschluss und als Andenken immer eine „girandola“, ein Windrad aus Papier.

Sendungshinweis:

Servus, Srečno, Ciao, 6.10.18

Lombardi: „Wind ist Luft, die spielt“

Seine Begeisterung für die Bora geht zurück bis in seine Kindheit. Auf gerade einmal 55 Quadratmetern hat Rino Lombardi alles zusammengetragen, was irgendwie mit der Bora zusammenhängt. Es entstand zum Spaß, wie er sagt, weil er für Triest ein Souvenir erschaffen wollte. So kam er auf die Bora - sie sei etwas, was alle Triestiner vereint.

Der Wind sei unsichtbar und „kalte Luft, die spielt“ - deshalb lasse die Bora für die Phantasie genügend Platz, sagt Rino Lombardi. Er hatte die Idee dazu, kleine Gefäße mit „Bora-Luft“ zu füllen. „Bora in scatola“ lautet der Name dieser Sammlung. Damit will Rino Lombardi Leute aus aller Welt dazu animieren, die Luftströme ihrer Heimat “einzufangen” und ihm zu schicken. An die 230 Proben sind dokumentiert, darunter auch welche aus Österreich und Kärnten, vom Großglockner.

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Winde aus aller Welt im Glas

Wind zum „anfassen“

Nicht nur harte Fakten, auch die mit Leichtigkeit erfüllte, spielerische Seite der Bora kommt in dem ihr gewidmeten Museum nicht zu kurz. So können die Besucher zum Beispiel nachfühlen, wie es sich anfühlt, bei Bora spazieren zu gehen. Insgesamt 20 Stationen gilt es im „Magazzino dei Venti“ in der Via Belpoggio 8 in Triest zu entdecken.

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Hier entstehen neue Gegendstände aus den durch die Bora kaputtgegangenen Schirmen]

Neue Chance für kaputte Schirme

Ein typisches Bild auf den Straßen Triests bei Bora sind unzählige kaputt gegangene Regenschirme. Sie bekommen durch das Sozial-Projekt “Ombrele” eine zweite Chance, wie Pino Rosati von der Schneiderei „Lister“ erklärt: „Wir machen daraus nicht nur Taschen, sondern auch Frisbees und Drachen.“ Zuvor werden die Stoffe gereinigt, genäht und anschließend sorgfältig ihrer neuen Verwendung entsprechend zusammengenäht.

„Auch wenn der Wind ihre ursprüngliche Form zerstört hat - in ihrem zweiten Leben schließen die neuen Objekte sozusagen dann wieder Frieden mit dem Wind“, sagt Pino Rosati.

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Mitarbeiter der Sartoria Sociale „Lister“ fertigen aus alten Schirmen Frisbees, Drachen, Taschen und Regenbekleidung für Hunde.

Diese Werkstücke stehen ein bisschen für die Mentalität der Triestiner - die die Bora als Teil ihrer Stadt und ihrer Mentalität ansehen … immerhin sind sie bekannt dafür, sich durch nichts so schnell aus der Ruhe bringen lassen - schon garnicht, durch ein bisschen kalte Luft.