Als Singvögel noch eine Delikatesse waren

Auch wenn der Singvogelfang - wie in unseren Breiten - auch in Italien längst verboten ist: Im Friaul sind noch vier der alten Vogelfanganlagen erhalten. Am Wochenende findet dort ein Fest statt - garantiert ohne Singvogel-Gerichte, aber mit Spezialitäten aus der Region.

Paese che vai, usanze che trovi - andere Länder, andere Sitten. Im Friaul galten Singvögel noch bis vor einigen Jahren als wahre Delikatesse, erinnert sich Renzo Zanitti aus Montenars: „Man füllte sie mit Speck, kochte und servierte sie mit Polenta. Dieses Sugo war etwas Besonderes. Man nannte diese Speise ‚polenta e osei‘, also ‚Polenta mit Vogel‘.“

SSC Roccoli di Montenars Singvogelfang
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„Autobahn“ der Zugvögel führt durch Montenars

In unseren Breiten schon immer verpönt, wurde die umstrittene Jagd auf Singvögel auch in Friaul vor rund 30 Jahren eingestellt.

Jagd seit 30 Jahren verboten

Bei unseren südlichen Nachbarn wurden noch bis in die 1980er Jahre Singvögel gejagt. Zum Beispiel in der Toskana, aber auch in einigen anderen Regionen war der Vogelfang weit verbreitet. Danach wurde ein Gesetz erlassen, dass diese Praxis verbietet. Friaul Julisch Venetien war die letzte Region in Italien, die dieses umsetzte.

Davor galt Montenars, süd-östlich von Gemona gelegen, als „Hochburg“ der Vogelfänger - nicht zuletzt, weil sich mitten durch das Gemeindegebiet eine wichtige Route der Zugvögel in Richtung Süden befindet.

Die Einheimischen bezeichnen sie als „Autobahn“ der gefiederten Reisenden. Das beobachteten findige Jäger schon Anfang des 19. Jahrhunderts und errichteten die ersten „Roccoli“. Es handelt sich dabei um mitten im Gelände gelegene, teilweise riesige ringförmige Gebilde, meist aus Hainbuchen, die ein bisschen an Laubengänge erinnern.

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Von 50 nur mehr vier „Roccoli“ erhalten

An die fünfzig davon soll es in der Gegend um Montenars einmal gegeben haben. Sie hatten nur einen Zweck: sie dienten dem Vogelfang. Ob Amsel, Buchfink oder Drossel - die Bauern hatten es auf Singvögel abgesehen. Vier dieser mitunter riesigen Vogelfanganlagen sind bis heute erhalten geblieben.

Sie wurden nach ihren jeweiligen Besitzern benannt. Der erste Roccolo, auf den Besucher entlang des Weges unweigerlich stoßen, ist der „Roccolo del puestin“, des „Postlers“. Andere tragen klingende Namen wie „Roccolo del Manganèl“ oder „Roccolo di pre Checco“, was auf einen Pfarrer als Eigentümer schließen lässt.

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Verhängnisvoller Gesang der Lockvögel

Renzo Zanitti gehört der „Roccolo di Spìsso“, den sein Vater in den 1950er Jahren errichtete. „Der Name wird vom Spitznamen meines Vaters hergeleitet - er hatte einen längeren, spitzen Bart und ‚spisso‘ sollte daran erinnern.“

Von seinem Vater lernte Renzo auch, worauf es bei der Vogeljagd in den „Roccoli“ ankommt: „Im Inneren des Roccolo wurden Käfige mit den sogenannten ‚Richiamini‘ aufgehängt. Es waren Vögel, die besonders laut und kräftig sangen und die ihre Artgenossen anlockten. Sobald sich diese näherten wurden sie erschreckt. Beim Versuch zu flüchten verfingen sie sich im Netz.“

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Die Tiere dienten den teilweise armen Bauernfamilien als willkommene Abwechslung am sonst recht kargen Speiseplan oder sie wurden am Markt weiterverkauft. In Zukunft würden die Besitzer ihre Vogelfanganlagen gerne Wissenschaftlern zur Verfügung stellen - zur Vogelzählung. Auch eine Beringungs-Station wäre denkbar. Bis es soweit ist warten die Roccoli darauf, von Besuchern erkundet zu werden.

Geführte Besichtigung der Vogelfanganlagen

Am Sonntag, 18. Juni, können Interessierte bei der „Festa dei Roccoli“ mehr über die Geschichte der alten Vogelfanganlagen erfahren, sagt Maurizio Tondolo vom Ökomuseum „delle acque del Gemonese“.

Um 15.00 Uhr findet beim „Roccolo di Pre Checco“ unter dem Motto „Kontraste - die Elemente der Natur“ eine Lesung mit musikalischer Umrahmung von „Ouverture“ statt. Einige der Musiker stammen aus Montenars. Am Vormittag, um 10.00 Uhr, startet beim „Roccolo del Puestin“ eine geführte Rundwanderung zu den vier Roccoli. Bei jedem wird auch eine Labestation eingerichtet, wo Besucher Spezialitäten aus der Region Friaul verkosten können.

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Käseherstellung in der „latteria turnaria di Campolessi“ in Gemona

Käsespezialitäten aus Gemeinschaftsmolkerei

Gegrillte Zugvögel stehen am Sonntag hier wohl nicht am Speiseplan, sondern allerlei andere Spezialitäten aus dem Friaul, wie zum Beispiel Pasta, Frico, Polenta und Käse. In der Latteria di Campolessi in Gemona an wird der „formaggio di latteria turnaria“ noch auf traditionelle Weise hergestellt.

Die Bezeichnung „turnaria“ stammt daher, dass in dieser Gemeinschaftsmolkerei - einer der wenigen noch verbliebenen in der Region - die Milch von 15 Bauern aus der Gegend zu Käse und anderen Molkereiprodukten verarbeitet wird. Egal ob größere oder kleinere Mengen - jeder Landwirt liefert seinen Anteil an Milch an, drei Käsern schaffen daraus - wie schon vor Jahrhunderten - nach alten Rezepturen Käse.

Auch viele Arbeitsschritte passieren so wie früher einmal, erzählt Käser Alberto Boezio: "Diese Technik mit dem Tuch ist sehr alt. Aus der Masse formen wir händisch einen Laib. Diesen geben wir in eine Form, in die er später gepresst wird. Auf diese Weise wurde das jahrhundertelang gemacht.

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Unter dem Schutz der Slow-Food-Bewegung

Nach einem Bad in Salzlake muss der Käse ruhen - je länger er reift, desto härter wird er. Auch der Geschmack wird intensiver. Das mache den „formaggio di latteria turnaria“ zu etwas Besonderem, ist Maurizio Tondolo, der neben seinem Engagement im „Ecomuseo delle acque del gemonese“ auch Vertreter des Slow-Food-Präsidiums ist: „Dies ist der einzige Käse aus einer Gemeinschaftsmolkerei, der unter dem Schutz der Slow-Food-Bewegung steht - wegen der strengen Auflagen, unter denen er produziert wird. Die Bauern dürfen nur Heu und Gras an die Rinder verfüttern.“

Sendungshinweis:

Servus Srecno Ciao, 18. Juni 2017

Vor dem Erdbeben 1976 gab es im Friaul rund 650 Gemeinschaftsmolkereien. Fast in jedem Dorf befand sich eine eigene Molkerei. „Heute sind noch fünf nur in der Provinz Udine übrig geblieben“, bedauert Tondolo. Umso wichtiger sei es, sich für den den Erhalt dieser seit Jahrhunderten im Zentralalpenraum verbreiteten Art der Käseherstellung einzusetzen. Auch Kleinbauern, die es immer schwerer haben, zu überleben, sollen durch die Gemeinschaftsmolkereien die Möglichkeit bekommen, auch geringe Mengen an Milch weiterzuverkaufen und sich so ein Zubrot zu verdienen.

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Bauern „vermieten“ ihre Kühe

Um auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten überleben zu können und neue Kunden anzulocken, hatten die Bauern der Gemeinschaft außerdem eine kreative Idee, um sich die Unterstützung von Sponsoren zu sichern: sie „vermieten“ ihre Kühe. Die meisten von ihnen gehören zur Rasse des „Roten Fleckviehs“ und werden nicht mit Maissilage gefüttert. Als Gegenleistung bekommen die Geldgeber Molkerei- und Käseprodukte im Gegenwert, die Bauern teilen das Geld, das auf diese Weise herein kommt, untereinander auf.

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