„Forscherglück“ am Wegesrand

Schon in der Antike gab es regen Handel im Alpen-Adria-Raum. Daher wollen Historiker in Kärnten, Slowenien und Italien grenzübergreifend römische Steindenkmäler erforschen. Diese sind oft erst auf den zweiten Blick entlang von alten Römerstraßen zu finden.

Es ist die Art, wie die Menschen in der Antike lebten und welche Spuren sie hinterließen, die die Historikerin Renate Lafer besonders faszinieren. Seit Ende der 1990er-Jahre ist die Universität Klagenfurt die wissenschaftliche Heimat der gebürtigen Steirerin. In ihren Forschungen beschäftigt sie sich mit Funden im Alpen-Adria-Raum.

„Grabinschriften und Namen geben zum Beispiel Auskunft über die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung. Keramikscherben und Münzfunde sind Zeugen für Handelsbeziehungen und Steindenkmäler, zum Beispiel Reliefs, zeigen auch sehr schön, wie die Bevölkerung damals gekleidet war, Frisuren oder Modetrends.“

Zollfeld Prunnerkreuz
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Prunnerkreuz am Zollfeld

Prunnerkreuz am Zollfeld: Spuren von Virunum

Das Prunnerkreuz am Zollfeld bei Maria Saal war mit seinen Reliefs und Inschriften lange Zeit eines der wenigen sichtbaren Zeichen zur Geschichte der damaligen Provinzhauptstadt Virunum. Eines der Reliefs zeigt eine Dame, die mit einer für die damalige Zeit typischen Tracht und einer norischen Haube bekleidet war. „Ihr Gewand wird mit riesigen Flügelfiebeln zusammengehalten“, erklärt Renate Lafer.

Zollfeld Prunnerkreuz Reliefs
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Dieses Relief gibt Aufschluss über Modetrends

Basilika „schlummert“ in Acker

Am Zollfeld finden jedes Jahr Übungsgrabungen der Universität Klagenfurt statt. Neben dem Prunnerkreuz gibt es noch andere historisch interessante Relikte in dieser Gegend, so die Historikerin: „Hier im Acker liegt eine Basilika verborgen. Teile davon werden von den Studierenden jedes Jahr freigelegt. Die Überreste werden dann leider wieder zugeschüttet. Die Konservierung der freigelegten Teile wäre sehr aufwändig. Da würden die Steine noch mehr leiden als wenn sie wieder zugeschüttet werden. Das ist besser für die Steine.“

Aquileia doch nicht so einflussreich wie vermutet?

Schon während der Antike gab es rege Handelsbeziehungen im Alpen-Adria-Raum. Heutzutage arbeiten die Forscher im Dreiländereck eng zusammen, um genau diese über die Jahrhunderte gewachsene Verbindung zu dokumentieren. Gemeinsam mit 19 Wissenschaftern aus Italien, Kroatien, Österreich und Slowenien widmet sich Renate Lafer in ihrer neuesten Publikation den Steindenkmälern im Alpen-Adria-Raum.

Ein Beitrag handelt von der gegenseitigen Beeinflussung von Aquileia und Noricum. Es wird darin in Frage gestellt, dass die Einflüsse von Aquileia sehr stark waren, was bisher eigentlich angenommen wurde. „Aufgrund stilistischer Merkmale kann man das vergleichen und man kommt zum Ergebnis, dass der Einfluss möglicherweise gar nicht so stark war“, so die Expertin für die „regio X - Venetia et Histria“, die sich von Südtirol bis nach Istrien erstreckte.

Sendungshinweis:

Servus Srecno Ciao, 1. April 2017

Genaues Hinsehen lohnt sich

Die Beschäftigung mit „alten Steinen“ ist für sie keineswegs „tote Materie“ - auch auf diesem Gebiet entwickle sich viel weiter, sagt Renate Lafer. Doch wann entpuppt sich ein Fund als bloßer „alter Stein“ und wann kann man von echtem „Forscherglück“ sprechen? Es komme oft auf klitzekleine, für die Augen eines Laien oft unscheinbare Details an: „Ab und zu werden neue Fragmente von Inschriften oder Reliefs gefunden. Durch Zufall wird entdeckt, dass sie möglicherweise zusammenpassen. Dann kann man vielleicht auch auf die Suche gehen nach alten Publikationen zu diesen Steinen und sehr interessante Ergebnisse erzielen.“

Spodnja Recica Stein
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Wertvoller Grabstein bei Abbrucharbeiten entdeckt

Eine Wissenschaftlerin aus Slowenien, der dies gelang, ist Julijana Visočnik. Der Zufall wollte es, dass sie im Osten Sloweniens fündig wurde. Jože Banko aus Spodnja Rečica hatte sie kontaktiert, nachdem er auf seinem Grundstück ein Relikt aus der Römerzeit entdeckt hatte: „Ich habe sämtliche wissenschaftliche Arbeiten über diesen Stein miteinander verglichen; die erste ist älter als 150 Jahre. Die Autoren berufen sich bei der Deutung der Inschrift immer auf andere Wortstämme. Diese unterscheiden sich von dem, was wir heute auf der Tafel sehen können.“

Steindenkmäler Alpen Adria Raum
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Steindenkmäler Alpen Adria Raum
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Sie geht davon aus, dass die Witwe des Verstorbenen diesen auf der Tafel als „besten Ehemann“ würdigte. Solche Inschriften waren in der Antike üblich; genauso wie die Bezeichnungen ‚Liebster‘ oder ‚Gnädigster‘, die auf antiken Grabsteinen oft zu lesen sind.

Steindenkmäler Alpen Adria Raum Buchcover
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Römische Steindenkmäler im Alpen-Adria-Raum von Renate Lafer. Neufunde, Neulesungen und Interpretationen epigraphischer und ikonographischer Monumente, 368 Seiten, ISBN: 978-3-7086-0893-8, Verlag: Hermagoras

Grenzstation im Zeichen von „Mithra“

Auch bei Camporosso - Seifnitz - Žabnice im heutigen Kanaltal verlief zur Zeit der Römer eine wichtige Straße, die von Aquileia nach Virunum führte. Im Ort befand sich eine Grenzstation.

Immer wieder werden auch hier Grabungen durchgeführt. Ein Forscherteam rund um Paolo Casari, der unter anderem auch an der Universität Klagenfurt unterrichtet, konnte rekonstruieren, wie die Zöllner gelebt haben müssen.

„Hier wurden Belege für die Lebensweise der Zöllner gefunden. Sie hatten sich dem Mithras-Kult verschrieben. Nur eingeweihte Männer durften bei den Sitzungen mitmachen, deshalb ist nur wenig darüber bekannt. Wir wissen, dass Mithra indo-iranischen Ursprungs ist und als der Gott des Lichts verehrt wurde. Der Name steht ursprünglich für Pakt, Vertrag und so kommt es nicht von ungefähr, dass vielfach Staatsbedienstete - wie eben die Zöllner - im antiken römischen Reich dieser Gottheit huldigten“, so der Historiker.

Steindenkmäler Alpen Adria Raum
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Mithra, der Gott des Lichts

Aus Molkerei wurde Museum

Die wichtigsten archäologischen Funde aus der Gegend sind im „Antiquarium“ zu sehen. Besonders stolz sind die Forscher auf den Fund einer nahezu intakten Bronzestatue, die Selene, die Göttin des Mondes, zeigt.

Grabungen Camporosso
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Diese Schautafel belegt den Fund der Selene-Statue
SSC Steindenkmäler Alpen Adria Raum
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Die Selene-Statue ist sehr gut erhalten

Wo früher einmal Milch verarbeitet wurde befindet sich jetzt ein kleines Museum. Für Interessierte werden nach Voranmeldung über die Gemeinde Tarvis +39 0428 2980 auch Führungen auf Deutsch angeboten.

SSC Steindenkmäler Alpen Adria Raum
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Öffnungszeiten und Kontakt:

Mittwoch, Samstag und Sonntag von 10.00 bis 12.00 Uhr, Eintritt frei

Adresse:
Museo Storico Antiquarium
Viottolo Florianca, 1
I-33018 Camporosso (UD)
Handy: +39 345 1285266
E-Mail: info@consorzioviciniacamporosso.191.it

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