Engelbert Obernosterer stört Schönfärberei

„Die Decke“ nennt Engelbert Obernosterer sein neuestes Buch über seine Heimat Lesachtal. Schon im Titel steckt Kritik an der Schönfärberei. Ihn stören die Filme über seine Heimat, die die Wirklichkeit, wie er sie kennt, ganz bewusst nicht zeigen.

Engelbert Obernosterer ist ein wacher und kritischer Beobachter der Menschen rund um ihn herum, aber auch der eigenen Person. Obwohl er das, was er tut, als „Beuntachten“ bezeichnet, so auch der Untertitel des Buches. Obernosterer: „Ich glaube, die herkömmliche Sprache ist die Sprache der Oberschicht und die beo-bachtet, sie schaut von oben herunter auf das, was geschieht. Ich bin bewusst unten und schaue von unten hinauf. Ich schaue mit den Augen eines Menschen, der unten ist.“

Engelbert Obernosterer
ORF
Obernosterer schrieb 18 Bücher und lebt in Hermagor

Geschichten von Lesachtaler Menschen

„Die Decke“ erzählt vor allem Geschichten von den Menschen im Lesachtal, von ihren Träumen, Sehnsüchten und ihren Enttäuschungen. Ausgangspunkt ist immer der Schriftsteller selbst. Er fühlt mit den Frauen mit, die ihre schönsten Sachen immer in einem Kasten aufbewahrten: „Goldketten und gute Parfums - sie selbst rochen eher nach Stall. Und schöne Kleider - sie selber liefen in miefigen Klamotten herum. Im Kasten hatten sie ihre schöne und nicht zu verwirklichende Welt, die sie hie und da betrachteten.“

Engelbert Obernosterer Die Decke
kitab Verlag

Engelbert Obernosterer: „Die Decke. Miniaturen, Mythen Gedichte“, kitab Verlag. ISBN: 978-3-902878-80-9, 165 Seiten, 18 Euro.

Buchauszug

Ende April 2017 habe ich wieder einmal einen Fernseh-Film über das Tal meiner Herkunft über mich ergehen lassen. Wie bereits bei früheren Aufnahmen versuchte jeder der drei, vier Einheimischen, die sich der Kamera stellten, das Tal samt den darin herrschenden Zustände in Bausch und Bogen zu loben und seine persönliche Zufriedenheit, ja seinen Stolz darauf zu bekunden. ....Während im weiter laufenden Film gezeigt wurde, wie munter zwischen Felsklötzen durch das klare Wasser der Gail dahin sprudelt, wie malerisch ein Dörfchen sich an den Fuß der Gebirge schmiegt und in einer Bauernküche Brot gebacken wird, schrie es in mir: Alles nur Decke!

Eine geglättete, mit alten Mustern bestickte, wärmende Decke: die der viel gepriesenen Zufriedenheit, mit der die tatsächlichen Verhältnisse zugedeckt werden. Nicht nur dumpfes Vegetieren und die Aussichtslosigkeit von tiernahen Existenzen wurden in meiner Erinnerung darunter wach, auch unzählige zum Scheitern verurteilte Jugendträume lagen erstickt zwischen aussichtslosem Begehren, durch Sachzwänge ad absurdum geführter Schwärmerei und Unterdrückung eigener Regungen zugunsten des Altbewährten. Erst nachdem all das nicht Brauchbare unter die Decke verstaut und als Hirngespinst abgetan ist, wird einer hier als reif und erwachsen anerkannt.

Aufarbeitung der eigenen Kindheit

Immer wieder geht es um Erinnerungen aus der Kindheit: Die Sprachlosigkeit des Vaters, das Aufwachsen auf einem Bergbauernhof, in einer Welt, die mehr von Taten bestimmt war als von Worten: „Das kommt mir weniger verlogen vor als was heute an Sprachwust um die Ohren geht und oft keinen Sinn mehr hat. Wenn große Gesellschaften beisammen sind kann ich sagen: Ich habe nichts gehört, was gesagt worden ist, das ist Gewäsch. Für diese Leute bin ich Sprachfeind geworden.“

Sendungshinweis:

Radio Kärnten SSC; 29.11.2017

Schreibend schafft Engelbert Obernosterer seit vielen Jahren auch Klarheit und Ordnung im eigenen Leben. Unsentimentale Erinnerungen an das Internat Tanzenberg, seine Zeit als Lehrer. Ganz klar stellt er auch immer wieder, was in stört: Menschen, die mehr scheinen wollen als sie sind und Natur, die nur mehr die Kulisse für den Tourismus und Umsätze abgeben soll oder so manche Auswüchse des Literaturbetriebs.

Kein Hadern mit dem Alter

Lakonisch bringt er immer wieder alles, was zu sagen ist, in einem Satz auf den Punkt: „Es gibt Tage, an denen man sein Gleichgewicht darin finden muss, dass Hemd und Hose zusammenpassen.“ Obernosterer wird am 28. Dezember 81. Jahre alt. Anders als manche Schriftstellerkollegen hadert er nicht mit dem Alter: „Jetzt habe ich das Gefühl, dass mir einigermaßen das gelungen ist, was in mir drinnen steckt. Viel mehr darfst du nicht wollen. Wenn du dich so entfaltet hast, wie ein Baum, der genug Platz hat, bist du zufrieden und kannst auch deinen Herbst- und Winter erleben.“

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