Gratwanderung zwischen Distanz und Nähe

Die Debatte über sexuelle Belästigung regt zum Umdenken in der Gesellschaft und zum Hinterfragen klassischer Rollenbilder an, sagen Experten. Über die möglichen Folgen wurde am Montag in der „Radio Kärnten Streitkultur“ diskutiert.

Unter dem Hashtag „me too“ prangern zurzeit weltweit Frauen Männer wegen sexueller Belästigung an. Auch in Kärnten ist die Zahl der Fälle sexueller Belästigung, die öffentlich gemacht werden, gestiegen. Doch was fällt eigentlich genau unter sexuelle Belästigung? Diese Frage sorgt oft für Missverständnisse. Für Sigrid Bernhard, Juristin beim Österreichischen Gewerkschaftsbund, gibt entscheidende Kriterien. Problematisch werde es etwa, wenn die Tat für den oder die Betroffene unerwünscht, unangebracht und anstößig ist. "Es komme nicht darauf an, wie es jemand meine, sondern wie es bei dem oder der Betroffenen ankomme, so die Expertin. Es sei dennoch wichtig zu sensibilisieren, dass gut gemeinte Komplimente sicher kein Problem seien. Zielen sie aber darauf ab, Macht zum Ausdruck zu bringen oder jemanden zu erniedrigen falle das klar unter sexuelle Belästigung.

Erziehung legt unterschiedliche Standards fest

Distanz und Nähe spielen bei sexueller Belästigung eine entscheidende Rolle, sagt Sexualtherapeut Joe Waitschacher: „Jeder Mensch hat eine bestimmte Grenze und das ist das Hauptproblem. Auf unserer lieben Erde leben acht Milliarden Menschen. Jeder von ihnen geht nach seiner Erziehung, wenn es um Distanz und Nähe geht. Für den einen ist es vielleicht ein Übergriff, einem anderen macht es nichts aus.“

Andere Generation - anderer Umgangston

In der Arbeitswelt muss der Arbeitgeber sicherstellen, dass es zu keiner sexuellen Belästigung unter der Belegschaft kommt. Für Klaus Peter Kronlechner, Spartenobmann des Gewerbes in der Wirtschaftskammer, fehle den Unternehmen dafür noch das Bewusstsein. Ein Grund dafür sei der zunehmende Frauenanteil in technikaffinen Berufen. Lediglich in der Baubranche ortet er noch Aufholbedarf. Seine Erfahrung zeige, dass Termindruck oft dazu führe, dass sich zum Beispiel sensible Frauen rasch sexuell belästigt fühlen würden: „Die Leute am Bau sind mitunter nicht sehr zimperlich in ihren Aussagen.“

Sendungshinweis:

„Radio Kärnten Streitkultur“, 14.11.17

Eine solche Sensibilität würde sie sich auch bei Männern wünschen, entgegnet Astrid Malle, Frauenbeauftragte der Stadt Klagenfurt. Auch Termindruck sei keine Entschuldigung für sexuelle Belästigung. Den gebe es in vielen Berufen. Auffällig sei hingegen, dass sexuelle Belästigung zunehmend eine Generationenfrage sei. „Selbst die Männer, die es betrifft, die öffentlich eine sexuelle Belästigung zugegeben haben, haben gesagt, dass sie das alte Rollenbild des ‚balzenden Gockels‘ so gelernt. Ein Flirt habe mit sexueller Belästigung so viel zu tun wie Himmel und Hölle. Flirt sei ein erotisches Spiel – da geht es um Grenzen und um Respekt.“

Verunsicherung steigt - Aufklärung nötig

Edith Reitzl, Model- und Persönlichkeitstrainerin, sagte, sie empfinde es zum Beispiel als erschreckend, dass junge Mädchen und Burschen in öffentlichen Schulen gleichermaßen verunsichert darüber seien, wie sie sich richtig zu verhalten hätten.

Landesschulratspräsident Rudolf Altersberger kritisiert die oft fehlende Aufklärung der Jugendlichen. Anstelle der Eltern trete heutzutage oft das Internet. Pornografische Filme etwa seien sofort verfügbar. Jugendliche würden oft die darin gezeigten Verhaltensweisen übernehmen. „Man sieht viel nackte Haut und ist überzeugt, dass das so gehört“, so Altersberger. Alle Diskusisonsteilnehmer waren sich einig darüber, dass letzten Endes die „Zauberwörter“ gegenseitiges Einvernehmen für den richtigen Umgang mit dem Gegenüber gelten würden.

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