Oft unerkannte Angststörung bei alten Menschen

Viele ältere Menschen haben mit Angststörungen zu tun. Obwohl es eine sehr große Anzahl an Patienten mit seelischen Krankheiten gibt, fehlt es oft an medizinischer Hilfe, kritisieren Experten.

Frau Brigitte aus Villach ist 81 Jahre alt. Sie lebt alleine und wirkt traurig und müde. Jedes Wochenende kommt der Sohn vorbei, auch die Tochter kümmert sich regelmäßig um die 81-Jährige. Sie hat auch eine Freundin als Gesellschafterin. Trotzdem leidet Frau Brigitte seit zwei Jahren an Bluthochdruck und massiven Ängsten. Die Blutdruckschwankungen sind an sich harmlos, wäre da nicht die Angst, die bei Frau Brigitte oft zur Panik wird. Sie fühlt sich missverstanden, abgeschoben und nicht für voll genommen: „Mein Problem ist das Alter, Krankheit und man hat nicht so die richtige Lobby.“

Zu wenig Aufmerksamkeit für die Patientin

Seit die Symptome auftraten, sucht Frau Brigitte ärztliche Hilfe: „Man war nett, aber man hat mir nicht helfen können, weil die Zeit nicht war für Gespräche. Gespräche sind in meinem Fall wichtig, dann erst dann kann es um Medikamente gehen. Aber bei den Medikamenten waren sie schnell bei der Hand. Sie haben mir was gegeben und dann auf Wiedersehen. Wenn ich dort war, hat der Arzt mehr in seinen Computer geschaut und der Fall war erledigt.“

Sendungshinweis

„Aufgezeigt“, 28.3.2017

„Arzthopperin“, so ist Frau Brigitte auch schon - von einem Arzt - genannt worden. „Der Ton macht die Musik. Ein alter Mensch erwartet sich von einem Arzt auch ein bisserl einen Zuspruch, ‚wird schon werden‘ oder so, das kostet ja nichts. Aber es läuft wie beim Militärkommando. Manchmal vergisst man auch was oder versteht die Ausdrücke nicht, da müsste der Arzt hinterfragen. Das passiert aber nicht“, sagte Frau Brigitte.

Primarius Peterz: Angststörung ernst nehmen

„Aufgezeigt“ machte einen neuerlichen Arzttermin aus und begleitete sie direkt zur internen Ambulanz der Gebietskrankenkasse, zu Primarius Wilfried Peterz. Bei Durchsicht der Befunde war für ihn ganz schnell klar, worum es bei Frau Brigitte geht: Angst ist das Problem. Peterz: „Sehr viele haben mit der Angststörung zu tun. Das ist eine sehr, sehr häufige Erkrankung. Jeder glaubt, er muss dagegen ankämpfen, aber das ist genau so sinnlos als würde man gegen eine Gallenkolik ankämpfen. Bei der Angststörung glaubt jeder er muss das selbst schaffen, oder es gibt Nachbarn die sagen, es geht Dir eh so gut. Das macht einen nur noch unglücklicher.“

Der Umgang mit der Angststörung ist in der schnelllebigen Medizin nicht einfach, sagte Peterz. Durch die Angst wird Adrenalin ausgeschüttet und das treibe den Blutdruck wieder in die Höhe. „Dadurch spüren die Patienten ein Unwohlsein, ein bisserl Kopfweh, eine Benommenheit und das verstärkt wieder die Angst das ist ein Kreislauf“, so Peterz.

Live-Gäste in der Family

Am Dienstagnachmittag sind Primarius Wilfried Peterz und die Psychologin Renate Kreuzer, die seit vielen Jahren mit Seniorinnen und Senioren arbeitet, ab 14.00 Uhr zu Gast in der RK-Family bei „Aufgezeigt“. Wie immer können die Hörer Fragen stellen.

Angst ist in unserer Gesellschaft ein Tabu

Dazu komme natürlich, dass Angst und Panik immer noch tabu einen, fast peinlich, so Peterz: „Viele schlucken ein Beruhigungsmittel, viele ignorieren das und werden noch unglücklicher dadurch. Für eine Gallenkolik geniert man sich nicht. Aber wenn die Seele eine Kolik hat, dann geniert man sich. Das ist das Schlimme.“ Obwohl es eine unheimlich große Anzahl an Patienten mit seelischen Krankheiten gibt, gibt es vergleichsweise wenig an medizinischer Hilfe, sagte Peterz.

Allein im Jahr 2016 sind in Kärnten über die Gebietskrankenkasse rund 261.000 Medikamente gegen Angst und Depressionen für Patienten im Alter über 70 Jahre verordnet worden. Abgesehen von den hohen Kosten ist den vielen tausenden Betroffenen mit Medikamenten allein nicht geholfen.

Intensives Gespräch zeigt Lösungsansatz

Im Gespräch mit dem Primarius beschrieb Frau Brigitte, dass es ihr am Abend am besten gehe, weil sie sich da schon auf die Entspannung durch den Schlaf freue. Das sei typisch, sagte der Mediziner. Im Gegensatz dazu gebe es auch das Morgentief, da beginne man eben wieder zu grübeln. Auf Nachfrage von Primarius Peterz gab Frau Brigitte auch an, die Medikamente schlecht zu vertragen. Sie sehe „Schneegestöber“ und höre Stimmen.

Was Frau Brigitte beschreibt, seien die Nebenwirkungen der Medikamente, sagte Peterz. Die dürfe sie nicht mehr nehmen, sie werde nach einer genauen Untersuchung, auch der Blutwerte, auf andere Medikamente umgestellt. Und es müsse eine Gesprächstherapie für sie gefunden werden. Frau Brigitte wirkte danach gelöster und lächelt. „Das war ein sehr, sehr gutes Gespräch. Der Herr Primarius hat sich Zeit genommen und mir alles erklärt und ich habe mich verstanden gefühlt. Das ist schon was.“

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