Schlechtere Bildungschancen für Heimkinder

An die 13.000 Kinder sind in Österreich in Einrichtungen fremd untergebracht. Wenn sie das 18. Lebensjahr erreichen, müssen sie plötzlich auf eigenen Beinen stehen. Diese jungen Erwachsenen haben oft schlechtere Bildungsschancen.

Es sind Kinder, deren Eltern sich nicht um sie kümmern können, die in Österreich bei Pflegefamilien oder in betreuten Einrichtungen aufwachsen. In der Regel endet diese Betreuung mit dem 18. Lebensjahr, also mit dem Erwachsenenalter. Diese Jugendlichen verlieren den Schutz und werden zu „Care Leavern“, verlassen also den Betreuungsstatus. Da sie dann oft mit dem Erwachsenwerden beschäftigt sind, haben sie schlechtere Bildungschancen als Kinder, die bei den Eltern aufwachsen und die im Schnitt erst mit 25 ihr Elternhaus verlassen. Stephan Sting, Universitätsprofessor für Sozial- und Integrationspädagogik, erforscht die Situation der Care Leaver in einer Studie.

Heimkinder Care Leaver
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Eunice (26) hat es auf Umwegen an die Universität Klagenfurt geschafft

Mit elf Jahren aus Kenia nach Kärnten

Eine, die es als Care Leaver schaffte, eine Ausbildung an einer Universität zu bekommen, ist Eunice. Es sei nicht immer einfach und schon gar nicht selbstverständlich gewesen, dass sie es bis an die Universität Klagenfurt schaffte, sagt Eunice. Doch nun studiert die 26-Jährige hier im dritten Jahr Anglistik.

Eunice kam mit elf mit ihrer Mutter von Kenia nach Österreich und zog mit 16 in eine betreute Wohngemeinschaft (WG) für Mädchen, weil es zu Hause mit der Mutter nicht mehr geklappt hat: „Ich hab Gymnasium gemacht und habe da zweimal eine Klasse wiederholt. Das wurde eher nicht so gut aufgenommen.“

Unterstützung aus der Wohngemeinschaft

Nach den Misserfolgen brach sie die Schule schließlich ab, schaffte dann aber die Studienberechtigungsprüfung und begann mit dem Studium. Unterstützung kam weniger von den Erwachsenen als von ihren Freundinnen: „Die Mädels, die mit mir in der WG waren, die haben mir einfach diesen notwendigen Push gegeben, es zu versuchen.“

Heimkinder Care Leaver
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Care Leaver: Andere Probleme als Ausbildung

Dass gerade Care Leaver auf ihrem Bildungsweg oft Umwege gehen, kennt Stephan Sting. Der Sozialpädagoge an der Uni Klagenfurt forscht zu diesem Thema: „Der eine Grund, warum Care Leaver später dran sind, ist schlicht und einfach, dass sie zu dem Zeitpunkt, zu dem solche Entscheidungen zu treffen sind, mit anderen Belastungen konfrontiert sind und ihre Erfahrungen in der Familie - die oft schwierig sind - verarbeiten müssen.“

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Sozialpädagoge Stephan Sting: Viele zu Lehre gedrängt

Ein großer Kritikpunkt von Sting ist, dass die Jugendhilfe nach österreichischem Gesetz mit dem 18. Geburtstag endet: „Es ist oft so, dass als ‚Dank‘ für die bestandene Matura am nächsten Tag der Auszug aus der Einrichtung zu erfolgen hat. Keine Familie würde ihre Kinder nach bestandener Matura rausschmeißen, da kann man natürlich noch länger bleiben.“ Viele Junge Menschen würden deshalb in den Jugendhilfeeinrichtungen zu einer Lehre gedrängt, damit sie eher auf eigenen Beinen stehen, kritisierte Sting.

Heimkinder Care Leaver
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Manuel hat seinen Bildungsweg direkt geschafft

Auffangnetz könnte zweite Chance bieten

Der 22-jährige Manuel schaffte den Bildungsaufstieg auf direktem Weg. Er lebte etwa seit seinem 7. Lebensjahr in verschiedenen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Das Gymnasium war seine einzige Konstante: „Ich habe die Matura gemacht, weil ich dort an der Schule bleiben wollte und nicht, um die Matura zu machen.“

Jetzt studiert Manuel Angewandte Informatik und er weiß, dass er auf seinem Bildungsweg Glück hatte. Er wünscht sich für andere Care Leaver vor allem eines: „Man sollte ein Auffangnetz bieten, weil Jugendliche, die eine Einrichtung verlassen, dann erst mit 25 oder 26 Jahren draufkommen, dass sie eigentlich gar nichts haben. Vielleicht kann man da ein Konzept für eine zweite Chance installieren, damit die Betroffenen hingehen und um Hilfe bitten können.“

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