Watzlawick: Noch immer suchen wir das Glück

Wie wird man glücklich? Diese Frage beschäftigte den weltberühmten Philosophen Paul Watzlawick ein Leben lang. Heuer jährte sich der Todestag des Kärntners zum zehnten Mal, seine Thesen und Tipps sind aktueller denn je. Seine Kärntner Nichte erzählt von einer Kindheit mit „Onkel Paul“.

Watzlawick war nicht nur Psychotherapeut und Kommunikationsexperte, er war auch Philosoph und Lebenskünstler. Das Glück und die Suche danach beschäftigte ihn Zeit seines Lebens. Sein Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ ist bis heute ein Weltbestseller. Es wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt und über zwei Millionen Mal verkauft. Es ist bezeichnend für Watzlwicks Fähigkeit komplexe Dinge nicht nur einfach zu erklären, sondern auch äußerst witzig und humorvoll.

Biografie über ein bewegtes Leben

2014 verfasste die Kärntnerin Andrea Köhler-Ludescher die erste Biografie über den Denker - „Paul Watzlawick – die Biografie: Die Entdeckung des gegenwärtigen Augenblicks.“ Köhler-Ludescher arbeitet als Kommunikationsexpertin in Wien und ist auch verwandtschaftlich mit Paul Watzlawik verbunden, sie ist seine Großnichte.

Paul Watzlawik  Andrea Köhler Ludescher Todestag
Köhler-Ludescher

In ihrer Biografie zeichnet sie detailliert den gesamten Lebensweg des Philosophen nach. Kindheit in Villach, Studium in Venedig, Analytikerausbildung bei C.G. Jung in Zürich, Versuche, in Indien und dann in El Salvador als Therapeut Fuß zu fassen, Arbeit in den USA am Mental Research Institute (MRI) von Don D. Jackson - das sind nur einige der Stationen aus einem bewegten Leben. Von Amerika aus machte Watzlawick Karriere als Kommunikationsforscher, wurde Wegbereiter der systemischen Therapie, radikaler Konstruktivist und großer Denker.

Lebenstipps von „Onkel Paul“

Köhler-Ludescher begab sich beim Verfassen der Watzlawick-Biografie auf eine spannende Spurensuche aus einem innerfamiliären Blickwinkel. Sie erlebte ihn als „Onkel Paul“ und nahm von diesen Zusammentreffen vor allem eines mit: „Alles ist möglich. Ich bin selbst der Architekt und der Gestalter meiner Wirklichkeit.“

Paul Watzlawik  Andrea Köhler Ludescher Todestag
Köhler-Ludescher

Als Handwerkszeug für ein glückliches Leben gab er den Lesern seiner Bücher einiges mit, sagt Köhler-Ludescher: „Er befasste sich mit diesem Thema aus einer sehr alltäglich, handlungsorientierten Sicht. Für ihn ging es beim Glück sehr stark um ein Erleben, wobei er immer wieder betonte, dass Glück sehr individuell erlebt wird.“

Wer das Glück sucht, findet es nicht

Eine zentrale Erkenntnis Watzlawicks war laut Köhler-Ludescher: „Die Suche hindert am Finden. Man soll das Glück nicht im Außen suchen, sondern in sich selbst finden.“ Und so wurden für Watzlawick großen Erlebnisse rückblickend unwichtig, während die kleinen Dinge immer mehr an Bedeutung gewannen. „Das Auftauchen des Neumondes oder eine spielende Katze, das wurden für ihn Glücksmomente“, sagt Köhler-Ludescher. Diese schlichten Situationen und Glücksmomente könne jeder täglich erleben. Watzlawick nannte das die „Entdeckung des gegenwärtigen Augenblicks“. „Die Natur und die Sonne auf der Haut zu genießen, das machte ihn glücklich“, sagt Andrea Köhler-Ludescher.

Verkrampfte Glücksversuche machen unglücklich

Watzlawick war auch als Psychotherapeut tätig und prägte unter anderem die Aussage: „Glücklich sein kann jeder - sich unglücklich machen aber will gelernt sein.“ In seiner therapeutischen Arbeit ging der Villacher den ungewöhnlichen Weg der paradoxen Intervention - er verlangte von seinen Patienten das Gegenteil des eigentlich gewünschten Zieles.

Sendungshinweis:

Servus, Srecno, Ciao, 12. Oktober 2017

„Wenn jemand stottert, tut er sich extrem schwer, wenn man zu ihm sagt, er soll nicht stottern. Wenn man ihm aber sagt, so, jetzt stottere so oft du kannst, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Stottern weniger wird“, erläutert Köhler-Ludescher das Prinzip. Das Gleiche gelte für das Glücklichsein: „Wenn man jemandem sagt, er soll glücklich sein, kann das als Druck empfunden werden.“ Und damit unglücklich machen.

Paul Watzlawik
ORF/Haas
Villach widmete dem berühmten Villacher einen Platznamen, gleich neben der Nikolaigasse

Ein fehlender Hammer und das Unglück

Wie man sich das Leben selbst unnötig schwer machen kann, machte Watzlawick mit seiner berühmten „Hammer-Geschichte“ sehr deutlich (siehe unten). „Das Leben könnte so einfach sein. Es wird aber Gedankenverkompliziert“, sagt Köhler-Ludescher dazu.

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer“.

Watzlawick setzte seine eigenen Thesen und Erkenntnisse auch für sich um, zum Beispiel, indem er stark handlungsorientiert lebte. „Die philosophische Seite des Sinnierens hatte er in sich“, sagt seine Großnichte. „Schlussendlich ging es ihm aber mehr um das Ausprobieren. Wenn eine Tür zuging, sah er sich nach neuen Türen um, die sich auftun könnten.“

„Ich bin ein Mechaniker, kein Guru“

Letztlich wollte Watzlawick den Menschen dabei helfen, ihr Leben sinnerfüllter und glücklicher zu leben, ist Köhler-Ludescher überzeugt: „Das hat auch seinen Beruf zu seiner Berufung gemacht. Er hat immer wieder betont, er möchte Leid mindern. Er wollte Menschen in ganz konkreten Situationen helfen.“ Aber für das Glücklichwerden müssten sie dann schon ein Stück weit selbst die Verantwortung übernehmen, habe ihr Onkel gesagt. „Ich bin ein Mechaniker, kein Guru“, sagte er immer. Und Watzlawick war es deswegen wichtig, dass seine Tipps auch im Alltag ganz leicht umzusetzen sind.

Ziellos, aber rundum glücklich

Watzlawick selbst würde den von ihm eingeschlagenen Lebensweg als geglückt beschreiben, sagt Köhler-Ludescher: „Auf die Frage, was sein Traum vom Glück sei, meinte er einmal: Keinen Traum vom Glück zu haben.“ Denn es gebe kein ernüchternderes Erlebnis, als anzukommen. „Ich müsste mir ja dann sofort ein neues Ziel suchen, um keine Leere zu empfinden.“ Watzalwicks Ziel sei es letztendlich gewesen, kein Ziel mehr zu haben.

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