Volkskrankheit Schmerz: Tendenz steigend

Jeder fünfte Österreicher leidet an chronischen Schmerzen, Tendenz weiter steigend. Die Schmerztherapie wird damit (auch für das Gesundheitssystem) immer wichtiger. Vorreiter ist seit 25 Jahren das Schmerzentrum im Klinikum Klagenfurt.

Er äußert sich in den unterschiedlichsten Facetten und kann die Lebensqualität dauerhaft beeinträchtigen. Der Schmerz ist ein Warnsignal des Körpers, der ernst genommen und behandelt werden muss. Am Schmerzzentrum im Klinikum Klagenfurt nimmt man sich der verschiedensten Schmerzformen an.

Vor 25 Jahren wurde das Schmerzzentrum als kleine Ambulanz am Klinikum gegründet, die interdisziplinäre Einrichtung ist mittlerweile österreichweit einzigartig. 20.000 Behandlungen werden hier jährlich durchgeführt, pro Jahr verzeichnet das Zentrum bis zu 3.000 Neuzugänge. Besondere Stärke des Schmerzzentrums: Jeder Patient im Schmerzzentrum wird individuell von einem Team unterschiedlichster Spezialisten, wie Neurologen, Orthopäden und Psychologen, therapiert.

Schmerzambulanz Schmerzzentrum ZISOP Klinikum Klagenfurt Jubiläum Likar
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Schmerzzentrum Klagenfurt

Die Zahl der Betroffenen steigt auch durch die Überalterung der Gesellschaft stetig, sagt Primar Rudolf Likar, der Leiter des Schmerzzentrums: „Rund 1,8 Millionen Österreicher leiden an chronischen Schmerzen, das ist jeder fünfte.“ In Kärnten seien es 115.000 Betroffene, davon leiden 20.000 Menschen an schwersten Schmerzen, und die, so Likar, „müssen behandelt werden.“

“Mühsame Odyssee durch das Gesundheitssystem“

Noch immer sei die Schmerztherapie in Österreich ungenügend, kritisiert Likar. Es sei „unverständlich, dass sich im restlichen Österreich auf dem Gebiet der Versorgungsstrukturen so wenig bewegt.“

Schmerzambulanz Schmerzzentrum ZISOP Klinikum Klagenfurt Jubiläum Likar
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Primar Rudolf Likar

Nach wie vor müssten viele chronische Schmerzpatienten eine „mühsame und kostenintensive Odyssee“ durch das Gesundheitssystem auf sich nehmen, ehe sie Hilfe finden würden: „Im Schnitt vergehen eineinhalb bis zwei Jahre bis zu einer aussagekräftigen Diagnose, fast jeder Fünfte erhält überhaupt keine. Und selbst wenn, führt das bei 23 Prozent der Betroffenen zu keiner adäquaten Behandlung.“

Schmerztherapie kann Millionen sparen

Auch für die Steuerkassen sei die Schmerztherapie mittlerweile ein wichtiger Faktor, sagte Primar Likar. Mit der interdisziplinären Schmerzbehandlung könnten teure Folgekosten abgefangen werden: „Die jährlichen Kosten für Erkrankungen des Muskel- und Bewegungsapparates betragen in Österreich 5,5 Milliarden Euro und jene für Krankenstandstage bei chronischen Rückenschmerzen rund 400 Millionen Euro.“ Zudem gehe die die Hälfte der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen frühzeitig in Pension. Leider hat die Pensionsversicherung darauf noch nicht reagiert“, bedauert der Experte. Finanziert wird das Schmerzzentrum daher nur von der GKK und dem Land Kärnten bzw. dem Gesundheitsfonds.

Multimodale Schmerztherapie eingeführt

Für schwer schmerzkranke Menschen gibt es seit fünf Jahren auch ein österreichweit einzigartiges Modell, die multimodale Schmerztherapie. Die vierwöchige, ganztägige Therapie ist vor allem auf Kopf- und Rückenschmerzen spezialisiert - mehr dazu in -Kampf dem Schmerz mit neuer Therapie.

Ziel sei auch, die Erwerbsfähigkeit der Patienten zu erhalten, sagt Psychotherapeut Wolfgang Pipam. „Wir wissen aus Studien, dass die Wahrscheinlichkeit, nach mehr als sechs Monaten Arbeitsausfall an den Arbeitsplatz zurückzukehren, nur bei 50 Prozent liegt. Nach einem Jahr kehrt gar nur noch jeder Fünfte ins Erwerbsleben zurück.“ Im Gegenzug würden nur zehn Prozent der multimodal behandelten Patienten in den nächsten zwei Jahren erneut einen Krankenstand in Anspruch nehmen. Helfen will man den chronischen Schmerzpatienten auch im Umgang mit den ständigem Schmerz, auch diese psychologische Hilfe kann die Lebensqualität deutlich steigern.

Prettner: Schmerzwelle rollt an

Die schon jetzt hohe Zahl der Betroffenen sei erst „der Beginn einer noch viel größeren Schmerzwelle, die auf uns zurollt“, sagte am Donnerstag Gesundheitsreferentin Beate Prettner (SPÖ): „Das hat zum einen mit den steigenden Belastungen im Alltag zu tun, vor allem mit den psychischen. Zum anderen steigt die Lebenserwartung immer weiter an, und mit dem Alter die Häufigkeit von Schmerzen.“ Deswegen sei es wichtig, den Versorgungstandard in der Schmerzbehandlung weiter auszubauen. Auch hier sei das Schmerzzentrum wichtig, denn es sei zugleich Ausbildungszentrum für Jungärzte.

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