Anna Baar: Die Wahrheit ist eine Zumutung

Die in Klagenfurt und Wien lebende Autorin Anna Baar, die 2015 auch am Bachmannpreis teilnahm, zeigt in ihrem neuen Buch „Als ob sie träumend gingen“, dass die Wahrheit eine Zumutung sein kann, die über die Kraft eines Menschen hinausgeht.

Die Erinnerung an einen Tag im Krieg will einem Mann namens Klee nicht gelingen. „Nicht wer im Augenschein die Wahrheit sucht, vermag gerecht auf ein Leben zu schauen, nur der Liebende und offenen Herzens Staunende“. Klee war der Freund dieses Menschen, der den Auftrag erhielt, seine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte von Krieg, Tod und Liebe.

Wer bestimmt, was wahr ist?

Es geht nicht darum, die so genannte Wahrheit zu erzählen, vieles, das wird gleich zu Beginn klargestellt, ist eingebildet, geträumt oder ausgedacht. Vielleicht ist deshalb diese Geschichte eines Mannes auch wahrer, wahrhaftiger: „Der Krieg hatte ihn enteignet, ihm um sich selbst gebracht“, schreibt Anna Baar. Jetzt liegt Klee in einer Heilanstalt und der Arzt will ihn dazu bringen, sich zu erinnern.

Anna Baar über ihren Roman: „Viel wichtiger als das Erinnern ist ja, was nehmen wir als Realität wahr, was wollen wir wahr und für wahr nehmen. Wenn es eine Diskrepanz gibt zwischen unserer eigenen Wahrnehmung und der der Umgebung kommt es meist zu der Diagnose des ‚Wahnsinns‘.“

Anna Baar
Johannes Puch

Klee war im Widerstand

Der Krieg, von dem die Rede ist, ist der Zweite Weltkrieg, auch wenn er nie direkt genannt wird, genauso wenig wie ein konkreter Ort. Aufgewachsen ist Klee auf einer Insel im Süden. Später war er im Widerstand, ein Held, der mit einem Denkmal geehrt wurde. Klee weiß nicht, wie ein Tag zu Ende gegangen ist. Ein Bild kommt in diesem Roman immer wieder, Lily, Klees große unerfüllte Liebe, lässt sich in den unberührten Schnee fallen, breitet die Arme und Beine aus. Es bleibt eine Vertiefung, die aussieht wie ein Engel, hinter ihr der Mann mit dem Gewehr.

Sendungshinweis:

SSC, 5. September 2017

„Mir sind diese Leerstellen ganz wichtig“, sagt Anna Baar. Sich mit ihren Texten zu beschäftigen bedeute wohl auch immer Arbeit und Konzentration. Die Leerstellen kann man mit eigenen Bildern füllen und etwas Eigenes sehen. „Es steht mir nicht zu, zu verlangen, wie jemand es lesen soll.“

„Wie hast Du geliebt?“

Vieles bleibt in „Als ob sie träumend gingen“ offen, verändert sich, erinnert an ein grausames Märchen. Denn eines wollte Anna Baar auf gar keinen Fall, einen Text über den Zweiten Weltkrieg schreiben wie viele andere. Kein Nacherzählen von Ereignissen, die geläufig sind. Vielmehr entstehen bei diesem Schreiben ganz neue Wirklichkeiten und Fragen. „Geh in die größere Geschichte. Die Frage ist nicht, wie hast du gekämpft. Sie lautet, wie hast du geliebt?“

Was macht man mit dem Leben

Klee liebt Lily jahrelang. Einmal kommen sie sich ganz nah, dann siegt die Vernunft, sagt er sich und wendet sich einer anderen Frau zu. Für Anna Baar ist diese Entscheidung vielleicht auch ein Mangel an Mut, zu einem Menschen zu stehen oder den eigenen Gefühlen. Die Schriftstellerinnen würde ihren Lesern gerne etwas ans Herz legen: „Dass man sich wirklich mit dem Schicksal auseinandersetzt, wie überschaubar das Leben eigentlich ist. Ich habe das Gefühl beim schreiben gehabt, das möchte ich herausschreien. Die Lebensspanne ist begrenzt, was macht man damit.“

Kein Leben ohne Schreiben

2015 erschien Anna Baars erster Roman „Die Farbe des Granatapfels“. Heute kann sich die 1973 in Zagreb Geborene ein Leben ohne Schreiben nicht mehr vorstellen. „Ich habe das Gefühl, dass mir die Entscheidung nicht frei steht, ich muss es machen, ich möchte nichts anderes machen.“ Frech, flapsig und einfach erscheint Anna Baar vieles, das heute an Gegenwartsliteratur veröffentlicht wird.

Cover Anna Baar
Wallstein

Die Sprache ist ihr so wichtig, dass sie eine mögliche Kritik an zu viel Sprache gerne in Kauf nimmt. „Vielleicht verlangt sie als Frechheit dem Leser etwas ab, ich mache es keinem leicht, auch mir nicht. Ich kann nicht anders.“ Wenn man sich auf diese Sprache einlässt, sich die Zeit nimmt, kann man auch die Schönheit des letzten Satzes dieses Romans wirklich schätzen. „Bald hatte er sie eingeholt, so schritten sie gemeinsam fort, den Blick nach fernen Dingen, und wer sie wie ich sah, dem kam es vor, als ob sie träumend gingen.“

Österreich und Kroatien als Heimat

Vielleicht ist es so, weil Kroatisch neben Deutsch die zweite Sprache Anna Baars ist. Heute ist die Tochter eines österreichischen Vaters und einer kroatischen Mutter dort zu Hause wo sie gerade ist: „Ich fühle mich in Kärnten wohl, was die Menschen betrifft, auch in Wien ist es so. Im Süden habe ich mit wenigen Menschen zu tun, beziehe aber Kraft aus der Landschaft. Da kann ich glücklich in der Einsamkeit sein.“ Die Insel Brac wird also wohl immer der Ort bleiben, an den die Schriftstellerin zurückkehrt. Es kann aber sein, dass sie schon in ihrem nächsten Buch über ganz andere Gegenden schreibt. Denn ihr Schreiben ist, wie sie es nennt, absichtslos, es passiert ihr ganz einfach und birgt so auch für sie immer eine Überraschung.

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